Osang, Darf man um seine Katze trauern, wenn...

"Darf man um seine Katze trauern, wenn Deutschland Weltmeister wird?", fragt sich Alexander Osang in seinem neuen Buch. Na ja, vor vier Jahren hätte man sich darüber sicherlich mehr Gedanken machen müssen, denn dieses Jahr ist dies eine höchst hypothetische Frage. Bei dem Katzenjammer nach dem Ausscheiden der deutschen Elf in der Vorrunde, hätte auch der persönliche Schmerz gut dazu gepasst.

Aber ganz allgemein kostet es Überwindung, seine Gefühle zum Haustier zu beschreiben, sobald man den engsten und vertrauten Freundes- und Familienkreis verlässt. Dies in einem deutschen Nachrichtenmagazin zu beschreiben erst recht, zumal die Nachrichtenlage angespannt ist und die Welt an allen Ecken und Enden brennt. Dann redet man nicht über die eigene Katze. Über den Hund? Das würde ja vielleicht noch gehen. Ein Hund ist jemand, der einen begleitet, der auch Außenstehenden nach einiger Zeit vertraut ist, aber eine Katze, die sich am liebsten zu Hause einrollt und es sich gut gehen lässt. Aber Alexander Osang ist leider ein Katzentyp. Hatte der Nahostkonflikt seine deutsche Katzenallergie besiegt? Und wenn ja, war das ein Kolumnenthema?

Für den renommierten Egon-Erwin-Kisch-Preis, den er mehrfach gewann, wurde er mit einer derartigen Regelmäßigkeit nominiert, dass Kollegen schon über den "Osang-Preis" spöttelten.

Der 56-jährige Ostberliner startete seine Journalistenlaufbahn bei der (Ost)Berliner Zeitung, deren Berliner Lokalchef er nach der Wende wurde. Oft berichtete er damals über die Zustände nach der Wiedervereinigung. Seit 1999 arbeitet er für den Spiegel, für den er 1999 für mehrere Jahre nach New York ging und dort auch seinen ersten Roman "Nachrichten" herausbrachte, der später verfilmt und mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet wurde. 2006 ging er zurück nach Berlin, das er in diesem Frühjahr in Richtung Tel Avis verließ, da seine Frau Anja Reich als Israel-Korrespondentin für die Berliner Zeitung tätig ist.

Auch andere Fragen wirft Osang in seiner Anthologie auf. Darf man mit einer Holländerin anstoßen, wenn Deutschland aus dem WM-Turnier fliegt? In der Vorrunde? Das ist eine Frage deutscher Leitkultur, die ihn weit mehr beschäftigt als der Zusammenhang zwischen deutscher Politik, deutschen Autos und deutschem Fußball. Darf man als Nachfahre von Nazideutschland in einem Meer baden, über das israelische Kampfhubschrauber Richtung Gaza fliegen? Oder muss man sogar ins Wasser? Wie erklärt man einem betrunkenen Russen in der Moskauer Metro, dass der Krieg vorbei ist? Was zieht man an, wenn man eine AfD-Veranstaltung besucht? All das sind Fragen, die er sich stellt. Pausenlos und sehr gekonnt.

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(c) Magazin Frankfurt, 2018