Sinha, Erschlagt die Armen!

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Sinha, Erschlagt die Armen!

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Was sind das für Romane, die in letzter Zeit das Schicksal der Migranten thematisieren, die sich in den letzten Jahren in Millionenzahl auf den Weg ins reiche Europa gemacht haben? Bei Timur Vermes werden sie in "Die Hungrigen und die Satten" mit Tarnkappenbombern in die Luft gesprengt, bevor sie ihr Ziel erreichen und auch im Buch "Erschlagt die Armen!" der 1973 in Kalkutta geborenen Shumona Sinha, die seit 2001 in Paris lebt und dort Literaturwissenschaften an der Sorbonne studierte, wird den Immigranten schlimm mitgespielt. In einem Pariser Gefängnis sitzt eine junge Frau in Untersuchungshaft: Am Abend zuvor hat sie in der Metro einem Migranten, der sie angesprochen hatte, eine Weinflasche über den Kopf geschlagen. Erst einige Jahre zuvor war sie selbst als Einwanderin nach Paris gekommen.

Nach der Veröffentlichung des Buchs im Jahre 2011 verlor sie ihre Arbeit als Dolmetscherin bei der französischen Migrationsbehörde. Zum Glück wurde ihr Roman mit vielen Literaturpreisen ausgezeichnet und auch für die Bühne bearbeitet. Für die deutsche Übersetzung erhielt sie zusammen mit der Übersetzerin Lena Müller den Internationalen Literaturpreis des Hauses der Kulturen der Welt. 2013 erschien ihr dritter Roman Calcutta, ebenfalls vielfach ausgezeichnet. Danebeen veröffentlichte sie mehrere Gedichtbände auf Französisch und Bengalisch. Ihr erster Roman war Fenêtre sur l’Abîme.

Ihr Roman wurde in Frankreich als Skandalroman wahrgenommen, da er über die Unlebbarkeit des Asylsystems in verstörend schönen Bildern erzählt. Den Titel hat sich die indische Literaturwissenschaftlerin von einem Prosagedicht Charles Baudelaires geliehen. Die Protagonistin dieses Romans scheint Baudelaires Titel wörtlich genommen zu haben: Die junge Frau schlägt einem Migranten in der Metro eine Weinflasche über den Kopf und findet sich in Polizeigewahrsam wieder. Dort soll sie sich erklären. Was treibt eine dunkelhäutige Frau indischer Abstammung, die in der Asylbehörde als Dolmetscherin zwischen Asylbewerbern und Beamten vermittelt, zu einer solchen Tat? Täglich übersetzt sie das Jammern und die Lügen der Asylbewerber, deren offensichtliches Elend der Behörde nicht reicht – und ist angewidert vom System, deren Teil sie geworden ist. Als Migrantin bleibt sie fremd in den Augen der Beamten, aber auch für ihre ehemaligen Landsleute ist sie fremd – als eine, die es geschafft hat. Schließlich scheint es auch für sie in der menschengemachten Enge der Welt keine andere Begegnung als den Angriff zu geben. Ein wunderbar zorniger Roman, der in kraftvoller, bilderreicher Sprache aufrüttelnde Fragen zu Identität und Zusammenleben in einer globalisierten Welt stellt. Gerade in unserer Zeit hochpolitisch. Wie sollen wir mit dem Thema Asyl angemessen umgehen?

Shumona Sinha, Erschlagt die Armen!, dtv, Taschenbuch, ISBN 978-3894018207, 10,90 Euro

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(c) Magazin Frankfurt, 2020