Xin Ran, Sehnsucht gross wie meine Einsamkeit

Xinran, Sehnsuchtgroß wie meine Einsamkeit

(c) Knaur

Normalerweise sprechen chinesische Frauen nicht über ihr Liebesleben, doch auch bei ihnen gibt es heute ein breites Spektrum von poetischer Liebe bis hin zu Cyber-Love. Auch Chinas Frauen sind hin und her gerissen zwischen Tradition und Internet. Die 60-jährige in Peking geborene gefeierte Journalistin und Autorin Xinran ist in China Star einer Radiosendung, in der Frauen ihr Schicksal schildern und hat sich hier dieses Tabu-Themas angenommen , ist mit Frauen ins Gespräch gekommen, die zuvor nie gewagt haben, ihre privaten Erlebnisse zu offenbaren. Herausgekommen sind die Erfahrungen chinesischer Frauen über mehrere Generationen hinweg. Xinran lebt seit mehr als 20 Jahren in England, reist aber für Recherchen immer wieder in ihre Heimat.

Den Ausgangspunkt bildet die schier unglaubliche, aber authentische Geschichte von Red, die nach 61 Ehejahren die eigene Jungfräulichkeit attestieren ließ. Hat sie ihren Mann wirklich geliebt? Warum ist sie trotzdem noch Jungfrau? Xinran erfährt den Grund in einem offenen Gespräch mit der alten Dame, die ihr auch die poetische Liebesgeschichte der Eltern offenbart. Und Xinran macht sich auf die Suche nach den anderen Frauen aus Reds Familie. Hatten sie das Glück erfüllter Liebesbeziehungen? So kommen Reds Schwestern, Nichten und auch die vier Vertreterinnen der Enkelgeneration zu Wort, die von der aktuellen Situation junger Frauen in China berichten.

Xinran spannt in diesem ungemein authentischen Buch, das voller privater Geschichten von chinesischen Frauen steckt, den Bogen von Tradition und maoistischer Pflichterfüllung hin zu aktuellen Themen wie Internet-Sex und Online-Dating und entdeckt eine neue Form der Einsamkeit, weil viele junge Frauen heute allein bleiben mit sich und ihren Träumen.

Xinran macht mit ihrem Buch China verständlich. Dafür ist die 1958 in Beijing geborene Autorin berühmt. Gleich an ihr erstes Buch „Verborgene Stimmen“ schloss sich eine ganze Reihe international erfolgreicher Bestseller an, darunter der in Deutschland besonders bekannte Bestseller „Himmelsbegräbnis“. Xinran hat sich den neugierigen Blick auf ihr Heimatland China bewahrt. In ihrem aktuellen Buch fängt die Autorin in den Einzelschicksalen der Frauen ein ganzes Jahrhundert chinesischer Geschichte ein: arrangierte Ehen, Macho-Macht und Fügsamkeit, Frauen beim Militär und Liebe in den Zeiten der Kulturrevolution und unter Mao sind ebenso thematisiert wie das Mutter-Tochter-Verhältnis in China, Familien-Traditionen und die gerade aufgegebene Ein-Kind-Politik. Aber die aktuelle Situation in China kommt gleichzeitig nicht zu kurz: Wie gestalten Frauen in China heute ihr Liebesleben? Welche Rolle spielt das Internet mit Online-Dating und Cyber-Sex?

Xinrans Buch gehört wie Jung Changs „Wilde Schwäne“ in jedes Bücherregal über China: ein authentisches Schlüsselwerk zu Liebe und Leidenschaft in China – das gleichzeitig durch lebendiges Erzählen und eine zeitgemäße Betrachtungsweise fesselt. Xinran stellt fest: „Erst heute verstehen chinesische Frauen den Unterschied zwischen Gefühlen wie Liebe und Sex.“


bei Amazon.de bestellen

(c) Magazin Frankfurt, 2018