Volke, Heisig malt Schmidt

Volke, Heisig malt Schmidt

(c) Ch. Link Verlag

Angela Merkel hängt dort noch nicht. Sie sitzt noch. Und über ihr hängt Konrad Adenauer von Kokoschka. Als guter Brauch wird nach dem Ende jeder Kanzlerschaft ein Portrait des Ex-Kanzlers und bald auch der Ex-Kanzlerin in der Kanzlergalerie aufgehängt. Wer es malt, darf der zu Porträtierende selbst auswählen. Kokoschkas Adenauer-Porträt gehört nicht dazu. Das kam erst 2006 als Dauerleihgabe ins Bundeskanzleramt, denn erst Helmut Schmidt brachte die Idee auf, in Deutschland diese Tradition einzuführen. Die Bildnisse Konrad Adenauers, Ludwig Erhards, Kurt-Georg Kiesingers und Willy Brandts wurden deshalb meist nicht für diesen Zweck angefertigt oder die Maler wurden nicht von den Portraitierten selbst ausgewählt. Adenauers Kanzlergalerie-Porträt stammt aus einer Serie, die der Porträtmaler Hans-Jürgen Kallmann von ihm anfertigte. Der bei den Nazi als "entartet" verfemte Künstler war nie einer der wirklich großen Künstler des Landes. Auf Kokoschkas berühmteren Bildnis erkannte sich der oft porträtierte Altkanzler nicht wieder. Es wäre wohl nie in der Galerie gelandet.

Ohnehin waren es meist nicht die wichtigsten Künstler ihrer Zeit, die deutsche Ex-Kanzler fürs Porträt ausgewählt hätten. Vielen von ihnen ging es eher um Wiedererkennbarkeit als um Kunst. Als Willy Brandt vom renommierten und für seine Glasfenster berühmten Kölner Georg Meistermann porträtiert wurde, schuf der mit seinem roten pointilistischen Bild eher eine Stimmung als ein Porträt im klassischen Sinne. "Ölbild nach Säureanschlag" spöttelten die Bonner. Schmidt als sein Nachfolger wollte es nicht aufhängen, weshalb der mäßig bekannte Oswald Petersen ein neues Porträt malte, das dann in Bonn Aufnahme fand. Kurt Georg Kiesinger und sein Vorgänger Ludwig Erhard malte der bayerische Maler Günter Rittner.

Das letzte Kanzlerporträt stammt vom wenig später Verstorbenen Jörg Immendorf und zeigt Gerhard Schröder ganz in Gold. "Goldfinger im Kanzleramt" witzelte damals die FAZ. Es waren zum Teil große Künstler, die unsere Altkanzler abbildeten. Um Helmut Kohl bemühte sich der Leipziger Albrecht Gehse. Es wollte möglichst wenig Koloss zeigen, was nicht gelingen konnte. Kohl freute sich über das Bild, das ihn in seiner Maßlosigkeit wie einen alten Imperator zeigt.

Helmut Schmidt selbst wählte wenige Wochen nach dem Ende seiner Kanzlerschaft, als er gebeten wurde einen Künstler auszuwählen, diesen auch nach politischen Überlegungen aus und entschied sich - obwohl er kein Freund der DDR war - noch zu Zeiten der Teilung Deutschlands für den ostdeutschen Bernhard Heisig. Heisig, einer der bedeutendsten Maler der DDR, wurde von den bundesdeutschen Feuilletons meist mit leichtem Nasenrümpfen als "Staatskünstler" angetan. In Heisigs Leipziger Atelier, in das der Ex-Kanzler nach längeren heiklen diplomatischen Vorbereitungen zweimal reiste, saß er Heisig mindestens vier Mal Porträt und zahlte für das offizielle Porträt die stolze Summe von 40.000 D-Mark, was es zum bisher teuerste Bild der Galerie machte. Schmidts DDR-Besuche wurden von der Staatssicherheit in der Operation »Mütze« aufwändig überwacht. Kein Wunder, dass das Dossier über Schmidts einzigen DDR-Besuch während seiner Kanzlerschaft im Jahr 1981 in Güstrow dieser Geschichte jetzt im beim Ch. Links Verlag erschienen Band vorangestellt wurde. Es ist die Rekonstruktion dieser höchst ungewöhnlichen Geschichte aus dem geteilten Deutschland, die von zwei Männern erzählt, deren Lebenswege nicht unterschiedlicher hätten verlaufen können und die sie trotzdem zu Wesensverwandten machten. Zugleich zeigt sie die Kraft der Kunst in politisch schwierige Zeiten. Im Kanzleramt blieb die Entscheidung für einen DDR-Künstler nicht unumstritten. Kohls Porträtist war dann im wiedervereinten Deutschland der Heisig-Schüler Albrecht Gehse. Kohl kaufte das Porträt selbst und stellte es dem Kanzleramt als Leihgabe zur Verfügung.

bei Amazon.de bestellen

(c) Magazin Frankfurt, 2018