Engelhardt, Ausgeschlosssen

Engelhardt, Ausgeschlossen

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Früher hat man zumindest verbal widersprochen. Ich erinnere mich noch an Walter Ulbrichts Fernsehauftritt im Juni 1961, als er sagte "Niemand hat vor, eine Mauer zu errichten." Zwei Monate später begannen die Grenzpolizisten damit, die Berliner Mauer zu errichten, die mehr als 28 Jahre lang Ost- von West-Berlin trennte. Zwar konnten nach einiger Zeit Westler in den Ostteil, doch dem Ostler war der Besuch im Westsektor verboten. Dabei waren sie keineswegs "ausgeschlossen", wie der Titel des von Marc Engelhardt für Weltreporter.net herausgegebenen Bands über eine Weltreise entlang Mauern, Zäunen und Abgründen lautet. Schutzzäune habe ich erst später gesehen. In den wohlhabenden Vierteln der indischen Metropolen, in südafrikanischen Enklaven der Weißen und in den abgeschotteten Wohnquartieren der reichen US-Amerikaner in Florida und Kalifornien. Schon damals hatte man Dünkel gegenüber den armen Nachbarn im Süden, die nur willkommen waren, wenn man sie als Dienstboten missbrauchen konnte, da sie sich nicht wehren konnten.

Heute sind dort in den USA die Töne noch schärfer geworden. Der xenophobe US-amerikanische White Trash stimmt sie in Pegida-Stil an, nachdem man mit Donald Trump einen gleichgesinnten Präsidenten gewählt hat. "Build that wall". Keinen anderen Sprechchor stimmen seine Anhänger leidenschaftlicher an wie diesen. Doch nicht nur in den USA wird der Ruf nach dichten Grenzen immer lauter.

Ungarns Präsident Orbán und Italiens rechter Innenminister planen einen harten Kurs gegen Flüchtlinge, die ins Land wollen. Nicht einmal 30 Jahre nach dem Mauerfall in Berlin entstehen weltweit neue Mauern, Hochsicherheitszäune und Grenzwälle.

Die Weltreporter sind die Mauern, die Länder trennen, entlang gereist. Sie haben Baustellen besucht und mit ehemaligen Nachbarn gesprochen, die jetzt in verschiedenen Welten leben. Auf der ganzen Welt haben sie Architekten, Unternehmer und Politiker getroffen, Grenzschützer, Schleuser und Flüchtlinge, Verlierer und Profiteure. Es zeigt sich, dass Mauern in Beton gegossene Furcht sind und zugleich Ungleichheit zementieren: Reiche schützen sich vor Armen, Gewinner vor Verlierern, Regierende vor den Regierten. Dabei lenkt der neue Mauerboom davon ab, dass die wahren Probleme der Menschheit keine Grenzen kennen: Weder Klimawandel noch Terrorismus, Hunger oder Seuchen machen vor Mauern halt. Der 47-jährige Marc Engelhardt arbeitet seit zwölf Jahren als freier Auslandskorrespondent, erst aus Nairobi und jetzt aus Genf für den Deutschlandfunk, ARD Hörfunk und Fernsehen sowie die Nachrichtenagentur epd. Fünf Jahr war er Vorsitzender des Korrespondentennetzwerks Weltreporter, dem größten Netzwerk freier deutschsprachiger Auslandskorrespondenten, die aus mehr als 160 Ländern berichten. Die 50 Korrespondenten sitzen überall auf der Welt von Athen bis Washington, D.C. Schon früher haben sich Engelhardt und die Weltreporter den Themen "bessere Welt" und "Flüchtlingsrevolution" angenommen.

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(c) Magazin Frankfurt, 2020