Grün/Karimi, Im Herzen der Spiritualität

Grün/Karimi, Im Heerzen der Spiritualität

(c) Herder

Können Christen und Muslime friedlich miteinander leben? Diese Frage stellt sich in Deutschland stärker denn je, nachdem Bundeskanzlerin Merkel mit ihrer Grenzöffnung im Herbst 2015 in den Augen vieler Deutscher einen nicht enden wollenden Run aus den Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens und Afrikas ausgelöst und damit den Anteil der Muslime in Deutschland deutlich erhöht hat.

Nach Schätzungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge leben In Deutschland inzwischen mehr als 5 Millionen Muslime. Damit ist der Islam nach dem Christentum in Deutschland die Glaubensrichtung mit den zweitmeisten Anhängern. "Der Islam gehört zu Deutschland" hatte schon 2010 der damalige Bundespräsident Christian Wulff 2010 gesagt, wie vier Jahre vor ihm der damalige Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble. Von dieser Ansicht ist heute kaum noch etwas übriggeblieben, denn in der Meinung der Bundesbürger sind es gefühlt viel mehr Muslime als die gut fünf Prozent, die sich aus der Statistik ergeben. Vier Mal so hoch schätzen durchschnittliche Bundesbürger den Anteil der Muslime an der Bevölkerung in Umfragen ein.

Als der Online-Befrager Civey im August 2017 über 310.000 Bürgern die Frage "Gehört der Islam zu Deutschland" stellte, antwortete fast die Hälfte mit "Nein, auf keinen Fall". Weitere 21 Prozent stimmten für "eher nein". Mit weniger als 10 Prozent vollem und 16 Prozent teilweisem Zuspruch scheint dem Islam und den Muslimen im christlich und atheistisch geprägten Deutschland keine gute Zukunft beschert zu sein.

Dabei wurde ein großer Teil der Muslime in den 1960er Jahren gebeten zu kommen. Damals boomte die Wirtschaft, es fehlte an Arbeitskräften und die Bundesrepublik löste dieses Problem durch Gastarbeiter, von denen viele aus der Türkei kamen und – da sich die politische und ökonomische Lage in ihrer Heimat im folgenden Jahrzehnt verschlechterte – auch bis heute blieben und oft die deutsche Staatsbürgerschaft annahmen. Andere flohen später vor Bürgerkriegen, Gewalt in zerfallenden Staaten, Terror im eigenen Land oder vor Repression durch den Staat.

Doch gelingt es den Deutschen die Muslime zur Rückkehr in ihre Heimat zu bewegen? Kaum, denn Religionsfreiheit ist in der EU und in Deutschland ein Grundrecht, das im Artikel 4 des Grundgesetztes normiert wurde. Auch wenn die regierende CDU momentan alles versucht, um zumindest bei einigen Herkunftsstaaten das Flüchtlingsproblem in den Griff zu bekommen und möglichst viele ungewollte und ungeliebte Immigranten zurück in ihre Heimat zu schicken, scheitert dies oft durch die politische Zusammensetzung in den Bundesländern, die dahingehende Entscheidungen durch den Bundesrat verhindern.

Im Volk heizt dies die Stimmung auf und man kann sich sicher sein, dass eine Machtergreifung der AfD in den Ländern und im Bund bei Geschichtskennern unter den muslimischen Immigranten erst zu einer innerdeutschen Wanderung und später zu einem Exodus kommen dürfte, um einem Schicksal wie im Dritten Reich zu entgehen.

Kann dieses Schreckensszenario noch verhindert werden? Können sich Muslime und Christen friedlich mit ihren Religionen in der gleichen Gesellschaft begegnen? Heute leben sie meist nebeneinanderher. Gibt es gemeinsame Schätze der Spiritualität? Was sind die »Stolpersteine« der Verständigung?

In dem neuen bei Herder erschienenen Buch beschreiben der Benediktinermönch Anselm Grün und der aus Afghanistan stammende Islamwissenschaftler Milad Karimi aus dem Herzen ihrer Tradition Wege, die zum Verständnis des anderen führen, suchen Kriterien für die innere Wahrheit einer Religion. Gemeinsame Fragen und zentrale Themen wie Gotteserfahrung, das Bild Jesu, Mohammeds oder Marias, konkrete religiöse Praxis, Toleranz und Zeugnis kommen aus beiden Perspektiven in den Blick. Ziel ist ein tieferes Verstehen des anderen. Sichtbar werden Schätze der Spiritualität beider Religionen.

„Weil es aus dem Herzen der christlichen und muslimischen Spiritualität Wege beschreibt, die nicht auseinander, sondern zueinander führen, halte ich dieses Buch für zukunftsweisend.“ Lobt Grüns einstiger Abtpimas Notker Wolf das Buch. "Ich hoffe auf eine jüngere Generation, die neugierig darauf ist, aktuelle authentische muslimische Positionen von innen her kennenzulernen. Das Buch versucht, neue Wege der Interpretation zu erkunden und doch den existentiellen Kern der Religionen für heute zu erfassen“ schreibt die Kölner Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur. Auch Wolfgang Schäuble hat das Buch vorab gelesen und lobt es. „Ohne Fremdheit zu leugnen, aber voll gegenseitigem Respekt, wechselseitiger Anerkennung und mit dem erkennbaren Wunsch, einander anzunähern." Ja, solche Begegnungen muss man wollen. Das gilt besonders heute in einer Zeit des wütenden Geschreis und der menschenverachtenden Propaganda, denn wer den anderen nicht begegnet, wird sich schwertun ihn zu verstehen. Somit ist das Buch ein Gegenentwurf zu den Thesen eines Thilo Sarrazin und der Wortführer der AfD, die lustvoll Angst schüren. MR

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(c) Magazin Frankfurt, 2018