Folkerts, Ich muss raus

Folkerts, Ich muss raus

(c) Brandstätter

Ulrike Folkerts stammt aus Kassel, wo sie 1961 zur Welt kam. In der Schule waren wir zum Abitur hin in derselben Jahrgangsstufe, nachdem ich mir mit der Mittleren Reife nach wenigen Jahren in Deutschland meine Aufnahme im Gymnasium gegen den Widerstand meiner Eltern erkämpft hatte. Damals baute man die Kasseler Jacob-Grimm-Schule gerade von der Höheren Töchterschule zum Oberstufengymnasium für Mädchen und Jungen um. Inzwischen sind es 250 Schüler pro Jahrgang, so viele wie kaum sonst in Hessen. An Ulrike kann ich mich deshalb kaum erinnern, da wir unterschiedliche Schwerpunktfächer hatten. Aufgefallen ist mir das erst Jahre später bei einer Talkshow, bei der sie von ihrer Schukzeit erzählte. Aufgeblüht ist Ulrike wohl auch stärker nach ihrer Kasseler Zeit.

Die ersten Versuche auf die Schauspielschule zu kommen, scheiterten, zeigten ihr aber auch, dass es nicht ausreicht, selbst im stillen Kämmerchen und ohne Feedback Rollen vorzubereiten. Beim zweiten Versuch klappte es dann in Hannover, wo sie erfolgreich das Studium absolvierte und als erste Theaterstation 1986 in Oldenburg startete - zusammen mit ihrem Hannoveraner Kommilitonen Matthias Brandt, der bereits die großen Rollen spielen durfte und mit dem sie dort eine Wohnung teilte. Schon drei Jahre später erfolgte nach anderen Stationen das Casting für den Tatort, wo sie in der Rolle der Lena Odenthal als eine der ersten Frauen in leitender Polizeifunktion ein- und inzwischen zur längstdienenden und beliebtesten Tatort-Kommissarin aufstieg. Weiterhin steht Ulrike Folkerts aber auch gerne auf der Theaterbühne und übernahm 2005 als erste Frau bei den Salzburger Festspielen die Rolle des Todes im Jedermann. In ihrem Buch erzählt die beliebte TV-Kommissarin ziemlich offen, direkt und auch privat aus ihrem Leben.

Es war nicht immer leicht. Anfangs suchte sie noch nach sexueller Orientierung, hatte männliche Freunde.m Buch schreibt sie über die verhasste Tanzstunde im Rock über ihren Versuch, so wie alle anderen Mädchen für den tollen Typen zu schwärmen, aber auch von ihrer Selbstfindung, vom inzwischen durch die MeToo-Bewegung ins Gerede gekommenen Sexismus in der Schauspielbranche über das private und das vom Schundblatt mit den vier Buchstaben auf der Titelseite vollzogenen öffentlichen Outing, vom Schubladen-Denken, dass sie oft auf die Tatort-Figur reduziert bis hin zur Frage, wer denn die Drehbücher für Frauenfiguren schreibt: Offenherzig, direkt und humorvoll erzählt Ulrike Folkerts von ihrem Kampf gegen innere und gegen äußere Widerstände.

Ulrike hat als toughe Ermittlerin Lena Odenthal das Frauenbild im deutschen TV-Krimi revolutioniert und dafür gekämpft. Auch bis sie ihre eigene Rolle im Leben gefunden hat, war es ein langer und harter Weg. Ihre Erfahrungen als prominente Frau in der Filmbranche, als lesbische Frau, als kinderlose Frau, als älter werdende Frau spiegeln wider, was viele Frauen erleben. Um aus vorgesehenen Rollen auszubrechen, braucht es Kraft. Folkerts gibt uns den Mut, auch unseren eigenen Weg zu gehen.

Ulrike Folkerts, Ich muss raus, Brandstätter Verlag, Hardcover, 208 Seiten, ISBN 978-3710605147, 22 Euro

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(c) Magazin Frankfurt, 2022