Kunze, Schöne Grüße vom Schicksal

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Schicksal oder Zufall? Geht es um die alte, schon vor Jahrtausenden die besten Geister entzweiende Frage, hat Heinz Rudolf Kunze eine klare Präferenz: 2Mir wäre schon deutlich wohler, wenn unser Dasein nicht nur blindem Zufall folgen würde. Ich hoffe auf einen Plan, der hinter allem steckt – auch wenn ich ihn natürlich nicht erkennen kann.2 Worüber der Mensch nicht zu verfügen vermag, dem er gleichwohl einen Sinn zuschreibt, das nennt er Schicksal. Ein Wort, wie von Albrecht Dürer in Kupfer gestochen, archaisch und schwer wie nur je eines. Doch Kunze wäre nicht Kunze, wenn er nicht auch diesen Begriff mit Leichtigkeit vom Kopf auf die Füße stellen, ins Getümmel schubsen und zum Tanzen bringen könnte.

Das neue Album – Kunzes sechsunddreißigstes seit 1981 und das erste bei Electrola / Universal Music – richtet Schöne Grüße vom Schicksal aus, fünfzehn sind es insgesamt. Songs, die von Schicksalsergebenheit ebenso erzählen wie von unbeugsamen Trotz; von den Schlägen, die man nicht kommen sieht, wie von den Momenten, in denen alles perfekt ist und einem die List der Vernunft ein Lächeln schenkt. Kurz: Musik für die beste aller möglichen Welten. Mindestens.

„Ich war lange verborgen, /
hab mir Menschen ausgedacht, /
alles, was sie erleben, /
selbst mit durchgemacht“,

singt Kunze im Opener „Raus auf die Straße“. In diesen Zeilen steckt eine ganze Poetik. Denn vor die Wahl zwischen Dichtung und Wahrheit gestellt, wählt Kunze stets – beides. Er behelligt den Hörer nicht mit seinem Leben. Er hebt auch nicht den Zeigefinger.

Viel lieber teilt er Beobachtungen, entwirft Geschichten und stellt Bilder hin, die der Welt zu ein wenig mehr Kenntlichkeit verhelfen können. Hunderte von Texten standen für dieses Album zur Auswahl, um erst von Musik zum Leben erweckt und dann schließlich vor die Leute gebracht zu werden, ins Radio, auf die Kopfhörer, in die Hallen. Stilecht mit Springsteen-Klavier feiert „Raus auf die Straße“ den Aufbruch und die auch nach all den Jahren noch immer andauernde Liebe zwischen dem Sänger und seinem Publikum. Es ist die ideale Eröffnungsnummer für ein Album, auf dem so vieles in Bewegung gerät: die Menschen, die Gedanken und Erinnerungen, die musikalischen Stile.

In „Komm mit mir“ hakt sich ein Taugenichts bei Ray Charles und Van Morrison unter und geht, vergnügt „Hit the Road, Jack“ pfeifend, mit ihnen die Straße runter und auch wieder rauf. In „Ich sag’s dir gerne tausendmal“ werden Treppen übersprungen, Gipfel gestürmt und Hängematten zwischen Wolken aufgespannt. Die Musik dazu ist, wie sie sein soll: schimmernder Pop, eingängig und himmelblau. „Luft nach oben“ vollführt seine Freudensprünge erst als Reminiszenz an die Neue Deutsche Welle, zu deren Blütezeit Kunze seine Karriere einst begann, um dann den Refrain im Glamour der frühen Roxy Music explodieren zu lassen. Und die von der Wiege bis zur Bahre reichende, so leidenschaftliche wie vergebliche Suche nach Ankommen und Erfüllung, von der „Immerzu fehlt was“ handelt, findet ihre Entsprechung in einer Verbeugung vor dem Groove und der Vitalität schwarzer Musik.

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