The 800

Man kann den Chinesen einen gewissen Nationalstolz nicht absprechen. Man begegnet ihm überall in China. Manchmal beeindruckt er die Gäste aus anderen Kulturkreisen, manchmal belustigt er sei, weil sie ihn nicht nachvollziehen können und manchmal beängstigt er sei, wenn er sich nationalistsich und kriegerisch präsentiert. Die Einschränkungen der Demokratie in Hogkong, wo sich China inzwischen mächtig genug fühlt, alte Verträge ignorieren oder ohne Sanktionen brechen zu können, sind ein deutliches Zeichen, worauf wir uns im Geschäft und Politik mit China einstellen müssen. Auch die Gelüste auf Taiwan, deren Unabhängigkeit China schon lange nicht hinnehmen möchte und dazu ansetzt, das Land zu erobern, wenn es oportun erscheint.

Mit The 800 hat China im vergangenen Jahr einen monumentalen Historien- und Kriegsfilm des chinesischen Regisseurs Guan Hu in die Kinos des Reichs der Mitte gebracht, der inzwischen auch international vermarktet wird. Der Film thematisiert den Kampf um das Sihang-Lagerhaus während der Schlacht von Shanghai. Kein Wunder, dass der Film die höchsten Einnahmen des problematsichen Filmjahres 2020 generiert hat, obwohl diese erstmals bei finanziell erfolgreichsten Film des Jahres 2020 erstmals seit 2007 auf unter eine Milliarde US-Dollar sanken.

Der Film spielt im Oktober 1937, kurz nachdem der zweite japanisch-Chinesische Krieg ausgebrochen ist, den die Chinesen als "Antijapansichen Krieg" bezeichnen. Die heftigen Kämpfe verlagern sich nach Shanghai, wo die ausländischen Kolonialmächte seit Mitte des 19. Jahrhunderts einzelne Stadtviertel über Konzessionen kontrollieren. Diese werden von den japanischen Bombern weitgehend verschont und die ausländischen Shanghailänder können das Kriegsgeschehen in den umkämpften chinesischen Stadtteilen aus sicherer Entfernung beobachten, da sie natürliche Grenzen wie der Fluss Suzhou deutlich erkennbar abgrenzen. Zwar kann die chinesische Armee unter Generalissimus Chiang Kai-shek, dem späteren Herrscher von Taiwan, den Angriffen mehr als drei Monate lang standhalten, muss sich dann aber wegen der schweren Verluste zurückziehen. Um nicht von den Japanern eingekesselt zu werden, führt der Oberstleutnant Xie Jinyuan 452 Soldaten der 88. Division der Nationalrevolutionären Armee zum Sihang-Lagerhaus, um dort gegen die 20.000 Mann starke 3. kaiserliche japanische Division zu kämpfen. Um die Moral der Bevölkerung zu stärken sagt man den Bürgern wahrheitswidrig, dass 800 Soldaten das Lager verteidigen.

Die Produktion von Herbst 2017 bis Frühjahr 2018 war mit mehr als 1500 Beteiligten sehr aufwändig, denn es ist der erste vollständige asiatische IMAX-Film, für den eine Filmkulisse mit 68 Gebäuden auf mehr als 13 Hektar Fläche gebaut wurde. Mit Produktionskosten von rund 80 Millionen US-Dollar wurde er zwar ein teuerer Film, den aber die Einspielergebnsse rechtfertigen. Ein Jahr später sollte der Film im Juni 2019 zur Uraufführung kommen, doch die Zensurbehörde nahm ihn aus dem Programm des Shanghai International Film Festivals und verbot jegliche Werbung, da man eine zu starke Darstellung der Flagge der Republik China monierte und außerdem die Verherrlichung Chiang Kai-sheks, der Kuomintang und der die Kommunisten bekämpfenden Nationalen Revolutionsarmee als geschichtsverfälschend bezeichnete. Im August 2020 durfte der Film dann in einer um 13 Minuten gekürzten Fassung in China gezeigt werden. Es folgten Australien, Südkorea, Neuseeland, Großbritannien und die Türkei. In Deutschland schaffte es der Film nicht ins Kino und erschien erst als Video on Demand und am 22. April 2021 als DVD und Blu-ray. Beim Titelsong Remembering, der auf der Melodie der nordirischen "Nationalhymne" Londonderry Air basiert, hat der Produzent auch Andrea Bocelli als Sänger gewinnen können.

Bei den Filmkritikern kam der Film nicht schlecht an. Rotten Tomatoes errechnet aus 24 Rezensionen eine Zustimmungsrate von 86 %. Metacritic 64 von 100 möglichen Punkten. In China erreichte der Film auf Douban 8.3 von 10 Punkten. Manche Kritiker verglichen den Film mit dem 2017 erschienenen Dunkirk als monumental mit vergleichbaren Gefühlen von Überleben, Mut und Triumph in der Niederlage, ein "chinesische Alamo“ (Guardian) mit Szenen eines Superheldenfilms. Kritisiert wurde deshalb auch den zu starlen Fokus auf eine atemlose Handlung, die wenig Platz für Emotionen lässt. In Deutschland erkennt die Welt „unverdünnte Staatspropaganda“ und hält den Film für regimeseitig gezielt geschürten Chauvinismus. Wohl wahr, dass der Film in erster Linie Chienesen und Freunde der Landser-Heftchen faszinieren kann. Dafür liefert der Film ein grandioses Spektakel für das große Kino. Auf dem Heimbildschirm dürfte das etwas untergehen. Dramaturgisch erinnert der Film an alte US-Kriegsfilme, die auch eher holzschnittartig die Zuschauer indoktrinieren sollen. Während Kriegsfilmfans dank der gemeinsamen Wurzeln diese US-Propaganda noch irgendwie akzeptieren konnten,. fällt es schwer, daran zu glauben, das die Chinesen, deren Vorstellungswelt europäischen Zuschauern weoitgehend frend ist und die auch keine Notwendigkeit verspüren, dies durch eine gewisse Adaption auszugleichen, mit solchem Kino Erfolg haben werden.

The 800, Koch Media, digital/DVD/Blu-ray, 159 Minuten, ASIN B08NF1PSP8, ab 4,99 €

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(c) Magazin Frankfurt, 2021