Dieter Rams. Ein Blick zurück und voraus

Dieter Rams

(c) Andreas Baier

Gerade erst hatten wir über ein neues Buch berichtet, dass der Essener Fotograf Timm Rautert dem Gestalter Otl Aicher und seiner Schriftenfamilie Rotis gewidmet hat. Aicher war zusammen mit Max Bill und seiner Frau Inge Aicher-Scholl Begründer der wegweisenden Hochschule für Gestaltung Ulm. Auch der jetzt mit einer Ausstellung im Frankfurter Museum für angewandte Kunst geehrte Industriedesigner Dieter Rams, dessen Entwürfe für die Klarheit der Form, Materialgerechtigkeit und einfache Bedienbarkeit sprechen, steht gestalterisch der Hochschule für Gestaltung Ulm nahe.

Der am 20. Mai seinen 89. Geburtstag feiernde Designer studierte nach dem Krieg Architektur und Innenarchitektur an der Werkkunstschule Wiesbaden, unterbrochen von einer Ausbildung zum Tischler. Seit 1955 arbeitete Rams für den Elektrogeräte-Hersteller Braun und wurde dort 1961 bis 1995 Leiter der Formgebung und 1988 auch Generalbevollmächtigter. Der Bezug zu Aicher und seinem Kreis ergab sich schon 1956 durch die Zusammenarbeit mit dem in Ulm lehrenden Hans Gugelot, mit dem er die als „Schneewittchensarg“ berühmt gewordene Radio-Plattenspieler-Kombination SK 4 entwarf, die mit ihrem radikal reduzierten Design des weiß lackiertem Blechkörpers, einer Abdeckhaube aus Acrylglas und Wangen aus hellem Holz zum Klassiker wurde. Zusammen mit seinem Designteam prägte er in den Folgejahren bis in die 1980er Jahre das typische, klare Erscheinungsbild der Produkte des Braun-Konzerns, das später auch Produzenten wie Apple als Vorbild diente. Das Ganze passt natürlich hervorragend zu dem in diesem Jahr stattfindenden 100. Geburtstag des ebenso wie Rams im Kronberg im Taunus ansässigen Elektrogerätehersteller Braun.

Neben der Arbeit als Braun-Chefdesigner lehrte Rams von 1981 bis 1997 als Professor für Industriedesign an der Hochschule für Bildende Künste in Hamburg. Für seine Entwürfe erhielt Rams unzählige Ehrungen wie das Große Verdienstkreuz des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland und den Design Preis der Bundesrepublik Deutschland für sein Lebenswerk.

Für die als Wanderausstellung geplante Ausstellung „Ein Blick zurück und voraus“ hat Rams zusammen mit dem Kurator Klaus Kemp, der im vergangenen Jahr mit ihm auch das komplette Werkverzeichnis bei Phaidon erstellt hat (der im Museum quasi als Katalog angeboten wird), wenige wichtige Arbeiten ausgewählt. Eigentlich sollte die Ausstellung am 16. April 2021 beginnen und bis zum 8. August 2021 dauern, aber erst einmal verhindert Corona die Eröffnung.

Insgesamt hat der Industriedesigner Dieter Rams über 350 Produkte für Braun und den inzwischen von Frankfurt nach England verzogenen Möbelhersteller Vitsoe gestaltet, die Tag für Tag von vielen Menschen auf der ganzen Welt benutzt werden und bis heute einen großen Einfluss auf jüngere Gestalter haben. Rams dachte dabei nicht nur über die eigentliche Form, sondern auch über die Bedeutung von Produkten für Mensch und Gesellschaft nach.

In unserer Zeit, in der die Schonung von Ressourcen und der Schutz der Umwelt mehr und mehr zu zentralen gesellschaftlichen Herausforderungen werden, ist Rams Arbeit mehr als aktuell. Die Gestaltungshaltung mit dem Credo „Weniger, aber besser“ charakterisiert schon seit den 1970er Jahren das nachhaltige Denken bei der Gestaltung von Dingen, um eine möglichst lange Nutzung zu ermöglichen. Was heute als „Ästhetik des Gebrauchs“ diskutiert wird, praktizierte und vertrat er mit seinen Teams schon vor vielen Jahrzehnten: „Gutes Design ist umweltfreundlich. Das Design leistet einen wichtigen Beitrag zur Erhaltung der Umwelt. Es bezieht die Schonung der Ressourcen ebenso wie die Minimierung von physischer und visueller Verschmutzung in die Produktgestaltung ein.“

Er fragt sich „Wie soll unsere Welt zukünftig gestaltet werden, damit sie noch überleben kann?“ Es sind rund dreißig sorgfältig von Dieter Rams ausgesuchten Objekte, die zusammen mit einhundert Fotografien, Reproduktionen und Texten versuchen, Antworten auf diese Frage zu geben.

(c) Magazin Frankfurt, 2021