alltours profitiert von Thomas Cook-Pleite

alltours-Chef Willi Verhuven

(c) aalltours

Die diesjährige Vorstellung des Sommers 2020 anlässlich einer Pressekonferenz in Düsseldorf stand noch ganz im Schatten der größten Veranstalterpleite in der Geschichte der Reisebranche. Verwundert reagierten viele Urlauber darauf, dass ihre Reise nicht stattfinden würde oder sie sich selbst um die Rückkehr aus dem Urlaub kümmern mussten. Die riesige Schadenssumme liegt schon heute mit angemeldeten 250 Millionen Euro deutlich über der einst in den 1990er Jahren von der Bundesregierung vertraglich beschlossenen absoluten Haftungsgrenze von 110 Millionen Euro. Diese war unabhängig von der Unternehmensgröße des Reiseveranstalters und von der Anzahl der verkauften Reisen, musste über eine Versicherung abgesichert werden und führte für große Veranstalter wie Thomas Cook zu einem Geschäftsvorteil, da sich die Kosten auf mehr Reisen verteilten. Reiseexperten gehen bei Thomas Cook nur von einer Erstattungsquote von rund einem Viertel der Reisesumme aus. Findige Anwälte haben sich bereits in Stellung gebracht, um die Differenz zum vollen Reisepreis vom Bund einzufordern, der bei der Umsetzung der EU-Richtlinie versagt habe.

Kalt erwischt habe ihn die Pleite des Reiseveranstalters Thomas Cook nicht, bekennt alltours-Inhaber Willi Verhuven. Der erfahrene Reiseprofi ist nach wie vor viel unterwegs und bei Gesprächen mit den Hotels hätte sich das Drama schon abgezeichnet. Wie viele andere hat aber auch Verhuven wohl gehofft, dass es nicht so schnell gehen würde. Die Kataloge für den Sommer 2020 waren schon im Druck und die Presse zur Präsentation eingeladen, als Ende September nach ersten öffentlichen Informationen über den Sanierungsbedarf von Thomas Cook auch dessen deutsche Tochter Insolvenz anmelden musste. alltours brachte seine Kataloge zum geplanten Termin im Oktober heraus, sagte aber die Pressekonferenz erst einmal ab, um Gespräche zu führen und zu sehen, wie sich die Lage entwickelt.

Beschert hat die Insolvenz des Konkurrenten alltours einen kräftigen Wachstumsschub, denn der Düsseldorfer Reiseveranstalter kann sich im laufenden Geschäftsjahr darüber freuen, erstmals die Marke von zwei Millionen Gästen zu überspringen. Im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von über 20 Prozent. Durch die völlig neue Gemengelage im deutschen Urlaubsreiseverkehr ist es für Verhuven allerdings schwierig, den eigenen Anteil seines Unternehmens an diesen Vorzeigezahlen zu benennen. Er geht davon aus, dass rund 75 Prozent des Wachstums auf die Insolvenz von Thomas Cook zurückzuführen sind. Auswirkungen auf die Preise, die Kunden für ihren Urlaub berappen müssen, werde die Reduzierung des Anbietermarktes nach Verhuvens Ansicht allerdings nicht nach sich ziehen.

Urlaub in Spanien und Griechenland würden im kommenden Jahr sogar etwas günstiger, Ägypten und Tunesien würden die Preise des Vorjahrs halten und die Türkei würde wegen Preiserhöhungen der Hotels etwas teurer. Beim Blick auf die Buchungslage kann sich Verhuven sowohl für die Winter- wie für die Sommersaison über zweistellige Zuwächse in fast allen Segmenten freuen.

Einen gewaltigen Boom hätten nach Auskunft des alltours-Chefs neben Ägypten und der Türkei auch Fernreisen nach Südostasien und auf die Malediven zu verzeichnen, wo es ein Buchungsplus von 50 Prozent und mehr gäbe. Wichtigste Destination bleibt weiterhin Spanien, wohin alltours im kommenden Jahr erstmals mehr als eine Million Gäste fliegt. Schon jetzt sei alltours auf Mallorca der größte deutsche Anbieter und erwartet im kommenden Sommer 100.000 zusätzliche Gäste.

Das geht natürlich nur mit einer ausreichenden Menge an Hotelzimmern. Irgendwie muss es für Will Verhuven trotz der Trauer um die Verunsicherung der Reisenden durch die Thomas Cook-Pleite auch ein Freudenfest gewesen sein, denn in der Vergangenheit hatten Große der Branche, wie Thomas Cook, den aufstrebenden Unternehmer als Parvenue behandelt und ihm durch ihre Marktmacht den Zugang zu einige Spitzenhotels blockiert, was zu Lücken im sich stetig verdichtenden Netz der angebotenen Hotels führte. Viele dieser Lücken konnte Verhuven und sein Team schon in den Monaten vor der Pleite des Rivalen schließen, da viele der Hotels, die ihm zuvor verschlossen blieben sich schon im Vorfeld öffneten und er durch Verträge mit diesen Hotels die Zahl der angebotenen Herbergen um insgesamt 30 Prozent auf über 20.000 erhöhen konnte. Auch die Zusammenarbeit mit den großen Hotelketten wurde weiter ausgebaut.

Alleine wird alltours vermutlich nicht von dem Thomas Cook-Aus profitieren. Verhuven rechnet mit einer raschen Verteilung der Marktanteile unter den Mitbewerbern. Das Wachstum von 20 Prozent sei deshalb singulär. "Später wird sich der Markt wieder einpendeln und wir wachsen normal weiter“, wiegelt er zu hohe Erwartungen ab. Wir haben ihn gefragt, ob er schon erkennen könne, dass die Pleite von Thomas Cook negative Auswirkungen auf die Pauschalreise-Nachfrage haben werde. Mit einem Lächeln zwischen Bedauern und Gelassenheit verwies er auf Pleiten von Fluggesellschaften in jüngster Zeit, die heute schon fast vergessen sind. „Ich kann die Enttäuschung der Leute gut verstehen, die sich auf ihren Urlaub gefreut und ihn dann nicht bekommen haben, doch die Menschen vergessen schnell." An dauerhafte Auswirkungen glaube er nicht.

(c) Magazin Frankfurt, 2019