Der Cotentin - urwüchsige Normandie

Cotentin Halbinsel

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Normandie Zu Besuch im Cotentin

Von Paris ist es gar nicht so weit – kaum hat man die Périphérique und das Pariser Becken verlassen und folgt der Autobahn südlich des Laufs der Seine zum Meer, erreicht man schon bald das Departement Seine-Maritime. Rouen, seine Hauptstadt, liegt dort, wo sich die Autobahn gabelt. Nach Norden erreicht man, die Seine passierend, die Seebäder der normannischen Steilküste. Nach Westen geht es in die Heimat der Apfelbäume, des Cidre, des Camemberts und des Calvados. Alles Namen mit den in der Gegend häufig anzutreffenden C. Im Department Calvados mit der Hauptstadt Caen saßen einst die mächtigen Herzöge der Normandie, die Normannen, die einst übers Meer kamen, um der fruchtbaren Region südlich des Ärmelkanals ihren Stempel aufzudrücken.

Wir wollen nicht in die nahe gelegenen Ferienregion der Pariser, sondern in ein Gebiet, das auch für viele Franzosen recht unbekannt ist – die Halbinsel Cotentin, die sich von Bayeux bis Cherbourg erstreckt. Die flachen Strände tragen bekannte Namen – Omaha Beach, Utah Beach. Amerikanische Namen? Ja – denn hier spielte sich der D-Day ab - das blutige Landemanöver der US-amerikanischen Truppen, dass das Ende des 2. Weltkriegs einläuten sollte, eindrucksvoll geschildert im „Der Soldat James Ryan“ mit Oscargewinner Tom Hanks. Riesige amerikanische Kriegsgräberstätten dokumentieren die vielen Opfer, die Amerika hier bringen musste.

Cotentin Halbinsel

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Cherbourg der Port des Amériques

Ein Kanal durchquert die Halbinsel nahe der Basis. Das Land dort liegt unter dem Meeresspiegel und ohne die mächtigen Dämme wäre das Weideland für die normannischen Rinder verloren. Der Kanal ermöglicht Schiffen, die entlang der Alabasterküste aus Le Havre kommen, ohne den Umweg vorbei an Cherbourg, dem „Port des Amériques“ in die Bretagne zu gelangen. Der Ort war Anlaufhafen für den transatlantischen Schiffsverkehr. Am 10. April 1912 legte die Titanic dort ihren letzten Zwischenstopp auf dem Kontinent ein. 281 Passagiere gingen an Bord. Etliche davon kamen ums Leben, denn es sollte die einzige Reise der Titanic werden.

Obwohl der Cotentin weitgehend unbekannt ist, gilt dies nicht für ein kleines Dorf an seiner äußersten Nordwestecke – quasi am Ende der Welt: La Hague im Departement La Manche. Dort befindet sich, gut geschützt, die atomare Wiederaufbereitungsanlage, die als Ziel diverser Castor-Behälter beim Transport durch Deutschland für politischen Zündstoff sorgte. Der Cotentin gehört übrigens zu einem der letzten Plätze Frankreichs an denen die normannische Sprache als Cotentinais überlebt hat.

Fährt man ein paar Kilometer nach Osten kommt man nach Barfleur, eines der "schönsten Dörfer Frankreichs". An den Kais entlang gelangt man ans Meer, wo sich Kirche und die Seenotrettungsstation befinden.

Bekannt ist der Ort für den mittelalterlichen Cour Sainte-Catherine. Englische Pilger landeten hier auf dem Weg zum Mont Saint Michel, der dort als Chemin de Paradis begann. Nicht verpassen darf man natürlich die Muscheln von Barfleur, Hummer und andere Krustentiere. Etwas südlich davon wird bei Saint-Vaast-la-Hougue und der vorgelagerten Insel Tatihou die Geschichte wach. Edward III. von England wollte im Jahre 1346 seinen Anspruch auf die Krone Frankreichs militärisch durchsetzen und landete dort im Juli mit einer 15.000 Mann starken Invasionsarmee. Es war der Beginn des Hundertjährigen Kriegs. Nach der Eroberung von Caen traf er auf seinem Zug durchs nördliche Frankreich einen Monat später bei Crécy auf das Heer der Franzosen unter Philipp VI., dem er eine schwere Niederlage zufügte. Auch 1692 kamen beim Pfälzischen Erbfolgekrieg nach einer Seeschlacht bei Barfleur zwölf französische Linienschiffe in die Bucht und wurden von den Engländern in der „Schlacht von La Hogue“ angegriffen und vernichtet. Um weitere Niederlagen durch die Engländer zu verhindern legte schon zwei Jahre später der Festungsbauingenieur Benjamin de Combes auf dem Hügel von La Hougue und auf der gegenüberliegenden Insel Tatihou Festungstürme an, die zusammen mit elf anderen von Vauban erbauten Festungen heute UNESCO-Welterbe sind.

Vauville

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Der botanische Garten von Vauville

Rund 50 Kilometer fährt man von dort quer durchs Land, das etwas an Südengland erinnert. An der Steilküste im Westen, von der es nur ein Katzensprung zu den Kanalinseln Sark, Jersey und Guernsey ist, liegt Flamanville, eines der Atomkraftwerke, die Frankreich mit dem dort weit verbreiteten Atomstrom versorgen.

Ganz in dessen Nähe liegt einer der schönsten Gärten der Normandie: DerJardin Botanique du Vauville . Seine Schöpfer Guillaume Pellerin und seine Frau Cléophée de Turckheim, haben den Park 1980 von Guillaumes Vater Eric Pellerin übernommen, der im milden Klima, das vom warmen Golfstrom begünstigt wird, Palmen aus aller Herren Länder dort angepflanzt. Die aus einem Elsässer Weinörtchen stammende Aristokratin und ihr Mann haben dort üppige Rhododendren angebaut, die das stattliche mittelalterliche Herrenhaus umrahmen, das dort seit Jahrhunderten den Invasionen der verschiedenen seefahrenden Völker widerstand.

Monsieur Pellerin hatte – wie viele in der Region – sein eigentliches Geschäft als Architekt in Paris.

Den Jardin und dessen kontinuierlichen Ausbau betreibt nach seinem Tod vor ein paar Jahren wieder ein Eric. Der Sohn der beiden hatte sich auch als Regisseur großer Pariser Modeschauen, darunter besonders der Givenchy-Shows, einen Namen gemacht. Nicht der einzige seiner Familie im Filmgeschäft: seine Tante ist die französische Schauspielerin Charlotte de Turckheim, ebenso Cousine Julia, die als eine der Töchter von Monsieur Claude zu sehen war. Gartenarchitekt ist mehr als nur ein Hobby der Familie. Wenn Besucher heute den Garten bei schönem Wetter durchstreifen haben sie oft das Gefühl an einem mediterranen Gestade gelandet zu sein und nicht im Norden Frankreichs.

Die Gegend ist etwas für Liebhaber. Viele Touristen verlaufen sich nicht in die kleinen Orte entlang der Küste. Erst weiter südlich, wo den Kieselstand die verschlickte Bucht von Avranche ablöst und die Schiffe zu den Kanalinseln abfahren ist wieder stärkerer Tourismus. Dabei hat dieses Gebiet zahlreiche Schönheiten. Die gewaltigen Dünen laden zum Besuch.

(c) Magazin Frankfurt, 2018