Revival der Liebfrauenmilch?

Liebfrauenmilch

(c) Hartmetz

Ich erinnere mich noch an meine Kindheit - lange vor dem Glykol-Skandal des Jahres 1985, der Österreich und Deutschland erschütterte und den Weingeschmack schlagartig von lieblich auf trocken veränderte. Darunter litten zahlreiche Weine, die früher einen großen Namen hatten, auch der liebliche deutsche Qualitätswein, der meist nicht mehr nur aus dem ursprünglichen Weinbergen rund um die Wormser Liebfrauenkirche stammt, sondern auch aus Rheinhessen, dem Rheingau, der Pfalz oder von der Nahe.

Damals hatte die berühmte „Lieben Frauen Milch“ nicht nur in Deutschland einen guten Ruf. International machte sie das Weinhandelshaus von Peter Joseph Valckenberg bekannt, der im 19. Jahrhundert den Großteil der ursprünglichen Weinberge der Kirche kaufte und die Marke Liebfrauenmilch zum Exportschlager werden ließ. Viele Winzer aus der Region sprangen auf den Zug auf und nutzten die nicht geschützte "Liebfrauenmilch" für eigene Exportaktivitäten. Auch der britische Hof war damals deren Abnehmer und bald galt sie als einer der besten Weißweine Europas.

Nach dem ersten Weltkrieg war es vor allem die Marke "Blue Nun" die man international im englischen Sprachraum mit Liebfrauenmilch verband. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie noch berühmter und erzielte teilweise Preise wie Zweitweine der Bordeaux-Châteaux. Der Glykol-bedingten Rückgang der lieblichen Weine wirkte sich auch auf den Markt für Blue Nun oder sonstige Liebfrauenmilch aus.

Wer heute Liebfrauenmilch bestellt, erwartet einen lieblichen Weißwein, der zu mindestens 70 Prozent aus Riesling, Müller-Thurgau, Bacchus, Silvaner und/oder Kerner bestehen und eine minimale Restsüße von 18 g/l aufweisen muss. „Echte“ Liebfrauenmilch nennt sich heute „Wormser Liebfrauenstift-Kirchenstück“ und wird exklusiv von den Winzern Gutzler, Schembs, Spohr und Valckenberg gekeltert.

Was der Kleinkarlbacher Winzer Alexander Hartmetz jetzt auf den Markt bringt ist also keine "echte" Liebfrauenmilch. Sein "Dorf der Mühlen und Brunnen" liegt im Bereich "Mittelhaardt Deutsche Weinstraße" rund 20 Kilometer südwestlich von Worms in der Pfalz. Dass die Weinkenner den deutschen Klassiker „Liebfrauenmilch“ als „süße Plörre“ abstempeln versetzt ihm einen Stich. Der bodenständige Macher, der sich dem Wein mit viel Liebe nähert hat sich des alten Exportschlagers angenommen und einen Wein gekeltert, über den jeder sprechen und in seinem Keller legen soll. Kein indifferentes Zuckerwässerchen sondern ein klarer, schmackhafter und eingängiger Weißwein, der sich im Mund wie ein Smoothie aus cremigem Pfirsich, Quittenmarmelade und exotischen Früchten entfaltet. Das Alles eingebunden in die für den Weintyp charakteristischen charmanten Restsüße.

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(c) Magazin Frankfurt, 2018