Zu Gast im Roero

Castello di Guarene

(c) Consorzio Tutela Roero

Roero Das andere Piemont

Barbaresco und besonders Barolo sind in aller Munde, wenn man über das Piemont redet. Doch langsam scheint man auch in anderen Weinbauregionen gegen die qualitative Übermacht der beiden Weinorte in der Langhe aufzubegehren. Das gilt natürlich für den Nebbiolo aber auch für die Weißweine, von denen das auf der anderen Talseite des Tanaro liegende Roero mit seinem Arneis einige zu bieten hat.

Verkostung der Weine

(c) Consorzio Tutela Roero

Besuch bei den Roero Days 2018

Wir wollten es wissen und reisten Anfang April zu der dritten Edition der Roero Days – der Anteprima der Weine der Roero DOCG. Das vom Consorzio di Tutela Roero am zweiten Aprilwochenende organisierte Event kam beim überwiegend norditalienischen Publikum gut an, die zu Tausenden in das zum Luxushotel umgebauten Castello di Guarene strömten, um die neuen Jahrgänge des Roero Arneis 2017, Roero 2015 und Roero Riserva 2014 zu verkosten. Erbaut wurde das majestätisch wie auf einem Balkon oberhalb von Alba und dem Tal des Tanaro thronende barocke Schloss im achtzehnten Jahrhundert als Sommerresidenz des Grafen Carlo Giacinto Roero.

Ein Viertel der gut 300 Weingüter des Konsortiums nutzte die Chance, 1.500 Weinliebhabern und 900 Weinexperten ihre rund 350 neuen Weine vorzustellen. Das erste „Heimspiel“ nach den Vorgängern in Turin und Mailand war in jeder Hinsicht ein Riesenerfolg, denn neben der massiv gestiegenen Besucherzahl hatte sich auch die Zahl der teilnehmenden Winzer im Vergleich zum Vorjahr deutlich erhöht. Die Gäste kamen gern, denn neben der Verkostung der Weine zusammen mit den Winzern bot die Veranstaltung eine Reihe anspruchsvoller Verkostungen, Vorträge und Diskussionsveranstaltungen, sowie geführte Bustouren durchs DOC-Anbaugebiet und zum historischen Castello di Monteu Roero, dessen neuen Besitzer, die für ihren Grappa weltbekannte Familie Berta, den Weinfreunden den Besuch ermöglichten.

“Anfangs war die Veranstaltung geboren, um den Roero auf eine Reise durch Italien schicken”, erklärte Francesco Monchiero, der rührige Präsident des Konsortiums, “doch dieses Jahr entschieden wir hier zu bleiben und Konsumenten, Weinexperten und der Presse unsere Heimat zu zeigen und sie bei uns willkommen zu heißen.“

Monchiero war wohl selbst erstaunt, als das Konsortium im vergangenen Jahr die Weine Roeros in Mailand vorstellte und feststellen musste, dass schon in einer Entfernung von 90 Auto-Minuten der Name Roero beim Verbraucher weitgehend unbekannt war. Dabei hatte es der wunderschön würzige und mineralische Roero Arneis Cecu d'la Biunda 2016 seines 25 ha großen nachhaltig produzierenden Weinguts Monchiero Carbone gerade in die Topkategorie des Gambero Rosso, dem „Gotha der italienischen Weine“, geschafft und war hatte die begehrten 3 Gläser errungen. Er war sicherlich einer der stärksten Unterstützer für den langsam Fahrt aufnehmenden Siegeszug dieser großartigen Rebsorte, die er in seinem Weingut aromarein und vielschichtig ausbaut. Aber auch bei den Roten feiert er mit seinem Printi Roero DOCG Riserva seit Jahren Erfolge.

Weinberge des Roero

(c) Consorzio Tutela Roero

Le Rocche del Roero

Die Organisation der Anteprima vor Ort war ein vernünftiger Entschluss, denn so konnte sich das Roero mit seiner geologischen Einzigartigkeit präsentieren. Mit Le Rocche del Roero, die man auf Lehrpfaden durch das Ecomuseo delle Rocche erkunden kann, entstanden im Paläolithikum im zentralen Teil des Roero, wo der Vorläufer des heutigen Tanaro die sandigen Flächen erodierte, steil abfallende Felsformationen. Oft kleben die kleinen Ortschaften förmlich an diesen Hügelgraten und noch immer wirkt die Erosion und lässt manche der fragilen Felsen kollabieren. Das Gebiet zeichnet sich durch ein besonderes Mikroklima und eine große Biodiversität aus.



Die Weine im Roero lohnen, denn im Gegensatz zu Weinen aus Barbaresco, keine fünf Kilometer Luftlinie von Guarene entfernt, stimmen Preis und Qualität und sind auch für Normalsterbliche bezahlbar. Es ist als ob der Tanaro die Weinwelt scheidet. Schon einmal war uns vor ein paar Jahren dieses Missverhältnis aufgefallen, als wir auf der südlichen Flussseite in der Langhe unterwegs waren. Auf einer Seite der kleinen Provinzstraße standen Reben von Angelo Gaja, dessen Barbaresco im dreistelligen Bereich angesiedelt ist, auf der anderen Moscato-Reben für Asti Spumante, der nach wie vor mit seiner Reputation zu kämpfen hat.

Weinberge des Roero

(c) Consorzio Tutela Roero

Roero Arneis der Barolo Bianco

Den Anfang mit der eigenständigen Weinabfüllung im Roero auf breiterer Basis machte seit den 1970er Jahren der schon fast in Vergessenheit geratene knackig-trockene Arneis, der inzwischen gerne beim Essen als regionale weiße Essensbegleitung serviert wird und im Roero erstklassige Qualitäten hervorbringt. Eine einfache Rebe ist Arneis nicht, im lokalen Dialekt bedeutet der Name „die kleine Schwierige“. Früher pflanzten ihn die Weinbauern zusammen mit dem Nebbiolo, als dessen Verschnittpartner er verwendet wurde, um die harschen Tannine zu mildern. Mit Aromen von Mandel, Aprikose, grünem Apfel, Birne und Melone sowie leichten Haselnussnoten erinnern die Weine an eine Mischung aus Sauvignon Blanc und Viognier. Auch Winzer der Langhe nutzten gerne den Arneis aus dem Roero, um ihr rotes Angebot zu arrondierten und so wundert der Name „Barolo bianco“ für die auch Bianchetta genannte Rebe nicht.

Warum – sagten sich die Winzer im Roero - machen wir das nicht selbst und brachten ihren Wein selbst auf den Markt. War es anfangs nur Roero Arneis, so kam in den letzten Jahren zunehmend auch Rotwein dazu. Qualitativ ist der von den Weinen Barolos und Barbarescos nicht nur geografisch gar nicht so weit entfernt. Gut – es gibt einzelne Weine, die qualitativ keinen Spaß machen - aber das sieht in der Langhe nicht anders aus, obwohl dort viel mehr Geld vorhanden ist, um den Nachwuchs international fit zu machen und beratende Önologen hinzuzuziehen.

Die besten Roero Arneis stammen von den kühleren Nordhängen, wo sie vor der starken Nachmittagssonne geschützt sind und so mehr aromatische Komplexität entwickeln können ohne ihre erfrischende Säure einzubüßen.

Der Erfolg des Roero Rosso

Einige Weinberge des Roero ähneln in Struktur und der Ausrichtung den nahen Barbaresco und Barolo und bei einer Blindverkostung des Roero Rosso DOCG dürfte es nicht einfach sein, die Weine treffgenau voneinander zu unterscheiden sein, obwohl sie hier im Norden des Tanaro nur einen Bruchteil kosten. Wie in den Langhe wird Roero Rosso zu 100% aus Nebbiolo gekeltert und zeichnet sicch durch ein dunkles Rubinrot mit violetten Reflexen aus. Im Duft hat er Anklänge von Himbeeren und Pflaumen sowie etwas Lakritz und Tabak. Gut gefallen haben uns bei der Verkostung die Weine der Winzerfamilie Deltetto, die in ihrem kleinen Weingut auch sehr gelungen Spumante produzieren und neben einem erstklassigen Arneis mit ihrem Roero Rosso Riserva Braja einen dieser Weine, die als Geheimtipp für Fans von Barolo und Barbaresco gelten.

Doch nicht nur Arneis und der ausdrucksstarke und tanninreiche Nebbiolo finden sich im Roero. Auch der autochthone rote Barbera, die im Piemont mit Abstand am häufigsten angebaute Rebsorte, hat sich dort vom Monferrato kommend immer stärker ausgeweitet.

Früher diente die robuste, ertragsstarke Rebe zur Produktion rustikaler Massenweine, doch bei Ertragsreduktion reichen die fruchtbetonten, eleganten und hochklassigen Weine durchaus an noblen Nebbiolo heran. Mit weniger Tannin, aber guter Säure ermöglicht Barbera ein breites Spektrum an Weinen: ob aus dem Stahlfass fruchtbetont und schnell trinkbar oder lange lagerfähig und gehaltvoll im Holz gereift.

Nach wie vor der wichtigste Wein ist aber weiterhin der Roero Arneis. Seit 2015 ist der Verkauf von Roero-Weinen um stolze 18% auf 6,5 Millionen Flaschen gestiegen. Sechs Millionen davon waren Roero Arneis. Seit Gründung des Konsortiums 2014 stehen beim Roero Arneis die Zeichen auf Wachstum. Damals produzierte man ihn auf 750 Hektar Fläche, heute sind es 900 Hektar. Bei den Roten blieb Rebfläche (200 ha) und Menge (500.000 Flaschen) über die letzten Jahre relativ konstant. Das Interesse des Auslands an dem Weinevent Roero Days ist berechtigt, denn rund 60 Prozent der Produktion geht in den Export.

(c) Magazin Frankfurt, 2018