Fasbender, Wladimir W. Putin

Fasbender, Wladimir W. Putin

(c) Landt Manuscriptum

Aktueller zur augenblicklichen Lage kann man kaum eine Biografie eines der mächtigsten Männer der Welt auf den Markt bringen. Wladimir W. Putin, von vielen dämonisiert, scheint er momentan auch einer der meistgehassten Menschen zu sein, der die Welt gerade mit seinem kriegerischen Einmarsch in die Ukraine und der Drohung mit Atomwaffen an den Rand eines Dritten Weltkriegs führt. Durch ihn scheint dieser nicht mehr unmöglich zu sein. Dem russischen Langzeitherrscher scheinen die Menschenrechte egal, er verfolgt Oppositionelle im eigenen Land und im Ausland. Viele europäische und amerikanische Spitzenpolitiker verteufeln ihn seit Jahren, haben ihn aus der Runde der mächtigen G8-Staaten herausgeworfen und daraus ein G7 gemacht.

Der 66-jährige Thomas Fasbender stammt aus Hamburg, wuchs dort und auf Sylt auf ist gelernter Kaufmann, studierte dann erst Jura und später Philosophie, promoviert, volontierte in Niederbayern und arbeitete dort als Wirtschafts- und Politikredakteur, bevor es ihn 1992, nach der Tätigkeit als Assistent des Vorstandsvorsitzenden eines Energietechnikunternehmens, nach Moskau zog.

Es geschah aus Abenteuerlust und für den damals 35-jährigen war der Einsatz im sich gerade neu orientierenden Russland, im Jahr nach dem Auseinanderbrechen der Sowjetunion und der erklärten Unabhängigkeit der einzelnen Staaten. Es war wie ein Sprung ins kalte Wasser. Vieles musste neu gesehen werden: es war ein Kulturschock, das alte sowjetische Joint Venture musste aufgelöst, eine neue russische Tochtergesellschaft neu aufgebaut werden. Es ging ums Überleben zwischen Inflation, Mafia, Korruption und Chaos - alles, wovon man bereits bei der deutschen Wiedervereinigung einen Eindruck im Kleineren bekommen konnte. Fasbender wurde Geschäftsführer der russischen Tochtergesellschaft, musste er die lokale Produktion aufbauen.

Fasbender sagt, bei ihm hätte es vom ersten Tag an gefunkt und er ist geblieben. 1999 machte er sich selbständig, wurde 2000 Teilhaber einer Spinnerei und Weberei an der Wolga. Später gründete er ein von ihm geführtes Moskauer Unternehmen für Fuhrparkverwaltung. Um 2010 erwacht dann seine Liebe zum Schreiben. 2014 erschien "Freiheit statt Demokratie. Russlands Weg und die Illusionen des Westens", 2016 der Roman "Kinderlieb". Seit 2015 lebt Fasbender als Journalist Autor und Vater von fünf Kindern in Berlin.

Es ist heute nicht ganz einfach als langjähriger Beobachter und in einer gewissen Hassliebe mit Russland verbundener Journalist zu arbeiten. Auch die langjährige Moskau-Korrespondentin Gabriele Krone-Schmalz weiß davon ein Liedchen zu singen. Mit Talkshow-Auftritten und ihren Büchern "Russland verstehen" und "Eiszeit – Wie Russland dämonisiert wird und warum das so gefährlich ist" sah sie sich dem im Westen sehr beliebten Vorwurf ausgesetzt, russische Propaganda zu verbreiten. Es sei ein beschönigendes „Weißwaschprogramm für den russischen Präsidenten Wladimir Putin“, wie der rechtskonservative Boris Reitschuster, ehemals Focus-Büroleiter in Moskau, in der Huffington Post schrieb.

Ganz leicht dürfte es auch Fasbender bei der momentanen Lage nicht fallen, sein Buch positives Geleit zu verschaffen. Seit 2019 sendet er, beim inzwischen wegen seiner Nähe zur russischen Staatsführung verbotenen deutschsprachigen russischen Auslandssender RT DE, jeden Montag einen Video-Kommentar zu aktuellen Themen als „Fasbenders Woche“ und widmet sich mit „Fasbender im Gespräch“ unterschiedlichen Fragen.

Nicht nur Feinde Russlands fragen sich da: Kann jemand, der einem russischen Propagandasender dient, überhaupt neutral über den obersten Chef seines Arbeitgebers berichten ohne sich selbst in Gefahr zu bringen? Interessiert die Menschen ein über 500 Seiten dickes Werk über einen Politiker, über den wir sehr wenig wissen, der aber einen souveränen Staat überfällt – auch wenn es zuvor sicherlich auch Fehlverhalten auf der anderen Seite gab?

Wer in solch aufgeregten Zeiten, mit diesem Background in einem Verlag, der Politikern wie Björn Höcke und Alexander Gauland oder Autor Akif Pirincci eine Plattform bietet, eine sachliche Biographie über Wladimir Putin herausbringt, weckt also sofort Misstrauen auf breiter Front.

Bücher über Putin, sein Netzwerk und seinen Machtapparat gibt es bereits, doch dies ist die erste direkte Putin-Biographie eines deutschen Autors seit mehr als zwei Jahrzehnten, als Alexander Rahr "Ein Deutscher im Kreml" schrieb. Die Biografie des US-Amerikaners Steven L. Myers spiegelt eher die amerikanische Perspektive.

Über Putin zu schreiben, ist nicht leicht, denn im Kreml nutzt man zwar Social Media - Wladimir Putin hat bei Facebook 3,3 Millionen Follower - doch dieser gibt echten Einblicke in sein Privatleben, sondern dient der Verbreitung seiner Ansichten. Gerade hat er einen viel diskutierten Post über seine Gründe einer Sonderoperation in der Ukraine gesprochen. "We want peace!" - heißt es darin und Putin beteuert sein Interesse an gegenseitigen Gesprächen, um den im Minsker Abkommen vereinbarten Status der Russen im Donbass abzusichern.

Er wirft der Ukraine vor, dort auf Menschen zu schießen, das Gebiet von der Versorgung abzukoppeln und statt für diese Menschen Sicherheit zu schaffen und es wieder voll in die Ukraine einzugliedern, das Land mit westlicher Hilfe aufzurüsten. Ganz Unrecht hat er nicht damit, denn wenn man die Situation im Donbass und der Grauen Zone zwischen dem Separatisten und den ukrainischen Truppen anschaut, so geschieht dort und im Hinterland vielleicht nicht der von Putin genannte Völkermord, doch wie man zum Beispiel in Andrej Kurkows lesenswerten Roman "Graue Bienen" lesen kann, etwas was man gemeinhin als Pogrom bezeichnet. Fasbender möchte sich Putin ohne Vorbehalte nähern, ihn als "Baumeister eines starken Staates" charakterisieren. Nicht ganz einfach, auch als Kenner der russischen Verhältnisse. Fasbender kennt die Russen, ihre positiven und negativen Seiten. In sechs Kapitel geht er Putins Leben und der Geschichte seiner Familie nach. Leider fehlt in dem Buch das sonst übliche Register, was eine schnelle Kontrolle des Inhalts erschwert.

Fasbender sagt in einem Interview: "Bevor wir daran denken, von Putin zu lernen, sollten wir versuchen zu begreifen, wofür er steht, was er verkörpert, wie er denkt und fühlt, wie er auf seine Umwelt reagiert. Dazu müssen wir die Umstände verstehen, unter denen sein politisches Wirken stattfindet. Mit einem Wort: wir müssen uns mit Putin und seinem Land, seiner Zeit erst einmal beschäftigen. Und zwar möglichst ohne Vor-Urteil. Was immer dem Staat nützt, dessen wird er sich bemächtigen – Putin ist ein Pragmatiker, ein Realpolitiker reinsten Wassers, ein Machiavelli-Klon."

Das Privatleben Putins ist so gut wie unbekannt. In seinem Buch setzt Fasbender nicht auf pro oder contra, hat damit weder Anklage noch Verteidigung im Sinn, sondern eine klassische Biographie, ein gut lesbar erzähltes Leben. Man muss aus den Erzählungen Putins mit seinen Gesprächspartnern die Fakten heraussuchen.

Wir lernen, dass Putins Großvater Spiridon nach dem Fall des Zarenreichs und der Gründung der Sowjetunion Lenins Leibkoch in seinem Hause in Gorki wurde. Wir erfahren, dass seine Eltern in der Nachkriegszeit ein weitaus einfacheres Leben im vom Zweiten Weltkrieg und der langen Belagerung der Deutschen in die Knie gezwungenen Leningrad führten und ums Überleben kämpfen mussten. Dort lernte später der junge Wladimir, sich notfalls auch handfest durchzusetzen. Die Partei bot ihm dann die Möglichkeit zum Aufstieg, vom KGB-Offizier in Dresden, der auch für und später - nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion – bei seinem ehemaligen Professor und Mentor Anatoli Alexandrowitsch Sobtschak, dem ersten direkt gewählten Bürgermeister von St. Petersburg. Schon damals, in der Umbruchszeit, zeigte Putin wirtschaftlich großes Geschick, wenn es notwendig war, wirtschaftliche Prozesse zu verschleiern. Das wurde kurz darauf vom Stadtparlament untersucht und man fand illegale Geschäfte im Wert von rund 100 Millionen Dollar, doch sein Mentor stand hinter ihm und die Untersuchung wurde eingestellt. Putin war und ist ein Mann des quid pro quo. Er revanchierte sich und kam schließlich mit Sobtschak über den Posten des Ministerpräsidenten bis ins höchste Staatsamt.

Thomas Fasbender hat Fakten nicht ignoriert und betrachtet sowohl Kritik innerhalb des Landes wie aus dem Ausland an Putin, seinen Geschäften und seinen Aufstieg. Dämonisiert hat er Putin auch nicht. Vermutlich wird man ihm das verübeln, doch wenn sich Putin mit brachialer Gewalt in der Ukraine durchsetzt, zeigt das auch Erfahrungen aus seiner Jugend, als er in den Hinterhöfen Leningrads unter Hooligans aufwuchs und sich behaupten musste.

Kann sich die USA als Weltmacht rühmen, dem etwas entgegengesetzt zu haben? Kaum. Dort zeigte man wenig Geschick, die verfahrene Situation zu lösen. Obama verspottet Russland 2014 herablassend als Regionalmacht. Sein Nachfolger Donald Trump, ein großmäuliger Populist, nimmt es mit der Wahrheit nicht sehr eng. 2019 telefonierten er mit Selenskyj und bat den ukrainischen Präsidenten Ermittlungen gegen Bidens Sohn Hunter zu eröffnen - als Gegenleistung für milliardenschwere Militärhilfe. Gerade sagte er „Putin ist klug und unsere Politiker sind dumm“. Besonders klug zeigt sich die westliche Weltmacht nicht.

Putin hat es geschafft, Russland nach Jahren des Niederganges unter Gorbatschow und Jelzin wieder auf die Füße zu stellen. In Russland ist die Stimmung zu großen Teilen für Putin, denn der hat für das einfache Volk einige Verbesserungen gebracht und viele daran glauben, dass die zusammengebrochene Sowjetunion durch Putin früher oder später wiederhergestellt wird. Darüber mögen manche jammern, denn mit Demokratie hat das wenig zu tun und Putin reduziert deutlich die Vielfalt der russischen Medien, in denen über den Krieg in der Ukraine nichts zu hören ist. Eine große Mehrheit der Menschen im Vielvölkerstaat steht hinter dem Präsidenten.

Thomas Fasbender, Wladimir W. Putin, Landt Manuscriptum, Hardcover, 566 Seiten, ISBN 978-3948075361, 30 Euro

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(c) Magazin Frankfurt, 2022