Bad Hersfeld, 15. August 2026
Bei den letzten beiden Weltkriegen haben große und kleine Länder, teilweise sogar Kontinente gegeneinander gekämpft. Auch in den derzeit laufenden Kriegen sind oftmals Akteure aus unterschiedlichen Regionen der Welt beteiligt. Zwischen Guten und Bösen zu unterscheiden ist dabei nicht ganz einfach, denn meist sind es Nationalismus, Imperialismus, Religionsstreit und unvereinbare Ansprüche, die Kriege auslösen. Das führte auch bei uns, als Deutschland noch in Klein- und Kleinststaaten aufgeteilt war, immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen, die teilweise Jahrzehnte dauerten, wie der 30-jährige Krieg, der als Religionskrieg zwischen Katholiken und Protestanten begann und als Territorialkrieg mit dynastischen Interessenkonflikten endete.
Lysistrata führt uns zurück nach Griechenland im 5. Jh. vor Christus, als dort der Peloponnesische Krieg wütete. Dessen Ursache war das Ende der Perserkriege, als sich Athen zur Schutzmacht der befreiten griechischen Städte erhob und mit der Gründung des Attischen Seebundes den Charakter einer Großmacht annahm. Gegen Bereitstellung von Schiffen und Geld an Athen, gab es Schutz vor persischen Übergriffen, was bei der Großmacht Sparta zu einem inneren Konflikt um die Vorherrschaft in Griechenland führte und von den Spartanern mit Gründung des Peloponnesischen Bundes beantwortet wurde, der als Gegenpartei Athens agierte. Es folgten Einmischungen Athens und Spartas in die Belange der Mitgliedsstädte ihrer Bünde. Was mit einem Handelsboykott begann, endete schließlich in dem Krieg, der erst 404 v.Chr. mit der Kapitulation Athens endete.
Der Komödiendichter Aristophanes lebte in den Jahren des Peloponnesischen Kriegs in Athen und war wie seine Landsleute von dessen Auswirkungen betroffen. Lysistrate, was man mit Heeresauflöserin übersetzen kann, wurde eine seiner bekanntesten Komödien und stammt aus dem zwanzigsten Jahr des Peloponnesischen Krieges. Nach zwei anderen pazifistischen Stücken, hatte auch die bei uns als Lysistrata bekannte Komödie den Krieg zum Thema und stellt den Kampf einiger Frauen gegen die Männer als Verursacher von Krieg und Leiden in den Mittelpunk. Durch eine Verschwörung der Frauen Athens und Spartas wollten sie von den Männern Frieden erzwingen. Unter Führung der Titelheldin Lysistrata besetzen sie die Akropolis und verweigern sich fortan sexuelle ihren Gatten und konfiszieren die dort zur Finanzierung des Kriegs gesicherten Gelder. |
In Sparta veranlasst Lampito einen ähnlichen Ausstand. Nach einigen Verwicklungen und Rückfällen führt der Liebesentzug in der Komödie tatsächlich zum Erfolg – im wahren Leben sollte es noch sieben Jahre und viele Tote dauern.
Bei den Aufführungen „Lysistrata oder Die Fantasie von Frieden“ bei den diesjährigen Bad Hersfelder Festspielen in der Stiftsruine bediente man sich nicht der frühen an der Weimarer Klassik orientierten Sprache und auch nicht der unverblümten und drastischen zeitgenössischen Übersetzung Holzbergs, sondern wählte eine eigens für die Aufführung angefertigte Überschreibung von Amanda Lasker-Berlin, welche die 2.400 Jahre alte Antikriegs-Komödie in die Gegenwart versetzt. Der Sexstreik der Frauen, um den Krieg zu beenden wird zum Gefäß für offene Fragen über Frieden, weibliche Solidarität und die Sinnlosigkeit von Konflikten in modernen Kontext. Die Regisseurin Marlene Anna Schäfer hat das Stück überzeugend mit großer körperlicher Ausdruckskraft inszeniert. Besonders gut gefiel uns – und dem Publikum – das wir aktiv einbezogen und in Sektionen eingeteilt wurden, um während der Aufführung die Frauen (oder ihre männlichen Mitstreiter) der beteiligten Stadtstaaten Sparta, Korinth und Athen aufzurufen. Ein bisschen plakativ aber durchaus gewollt erscheinen die Frauen als selbstbewusste Figuren in farbenfrohen Gewändern, während die verbohrten Männer sich als starres, dunkles Kollektiv in schwarzen Anzügen präsentiert. Nicht allen Kritikern gefiel die Neufassung, da die Männer auf reduktive Stereotype verkürzt wurde, doch die ernsteren Momente der Inszenierung kamen durchweg gut an, wenn die Emotionalität des persönlichen Verlusts eines oder mehrerer Angehöriger thematisiert wurde. Viele der Älteren dachten auch an den unvergessenen Pete Seeger und seine Friedenslied "Where Have All the Flowers Gone", das auch in der Kulisse der Stiftsruine seine Wirkung tat. Heute gehen mit der finalen Aufführung von Lysistrata die gelungenen Festspiele zu Ende, die durch ihre neue Aufführungspraxis (ohne Pause und rund zwei Stunden Länge) beim Publikum und der Bad Hersfelder Gastronomie gut ankamen.
© Michael Ritter
Lysistrata oder Die Fantasie von Frieden nach Aristiophanes von Amanda Lasker-Berlin, Stiftsruine Bad Hersfeld, Bad Hersfelder Festspiele, Besuchte Aufführung 1. August 2026, 16 Uhr |