Straus-Ernst, Zauberkreis Paris

Straus-Ernst, Zauberkreis Pariis

(c) Südverlag

Sie ist Künstlermuse, leidenschaftliche Autorin und die geschiedene Frau eines des bekanntesten surrealen Künstler seiner Zeit, des Malers Max Ernst: Luise Straus-Ernst. Im Jahr 1934 erhält sie von der deutschsprachigen Emigrantenzeitung "Pariser Tageblatt" den Auftrag zu einem Exilroman: "Zauberkreis Paris".

Die 1893 in Köln als Tochter eines Hutfabrikanten geborene Frau wuchs dort in einem liberalen jüdischen Milieu auf und studierte nach dem Abitur Kunstgeschichte, Geschichte und Archäologie an der Universität Bonn, wo sie 1913 den zwei Jahre älteren Max Ernst kennenlernte und ihn noch während des Ersten Weltkriegs heiratete - gegen Bedenken beider Familien, denn Ernsts Eltern waren strenggläubige Katholiken. Während Max Ernst das Kunstgeschichtsstudium abbrach, um als freier Maler im Kreis der Rheinischen Expressionisten um August Macke zu arbeiten, absolvierte Luise ihre Promotion. und arbeitete dann als „wissenschaftliche Hilfsarbeiterin“ im Kölner Wallraf-Richartz-Museum, wi sie Ausstellungen kuratierte und nach dem Tod des Direktors der Skulpturen- und Antikensammlung kommissarisch die Leitung des Museums bis zum Ende des Jahres 1919 übernahm. 1920 kam ihr Sohn Hans-Ulrich zur Welt, der später unter dem Namen Jimmy Ernst in den USA als Maler des abstrakten Expressionismus bekannt wurde. Geldsorgen führten dazu, dass Louise verschiedene Arbeiten übernehmen musste, unter anderem als Strumpfverkäuferin im Kaufhaus Tietz.

Die gemeinsame Wohnung der Ernsts wurde zum „Kraftzentrum“ unangepasster neuer Kunstbewegungen. Zu einer gemeinsam mit Baargeld, Arp und anderen vom Marxismus und Freuds Psychoanalyse Freuds inspirierte Anti-Kunstausstellungen lieferte Luise Collagen unter ihrem Dada-Namen Armada von Duldgedalzen. Die Ausstellung im Kölnischen Kunstverein wurde zum Eklat und alle Publikationen wurden von den Behörden beschlagnahmt. Auch in einer zweiten Ausstellung hinter der Herrentoilette eines Brauhauses war sie mit mehreren Werken vertreten. Nachdem das Ehepaar Ernst beim Urlaub den französischen Surrealisten Paul Éluard und dessen russischer Ehefrau Gala traf, die später über 50 Jahre Ehefrau und Muse Salvadore Dalis sein sollte, führte das zur Trennung der Ernsts und Max Ernst übersiedelte nach Paris, um sich dem Surrealismus anzuschließen und mit den Éluards in einer Ménage à Trois zu leben. 1926 wurde die Ehe der Ernsts in Abwesenheit des Ehemanns geschieden.

Lou Straus-Ernst schlug sich danach als Buchhalterin, Sekretärin und Mitarbeiterin einer Spitzenmanufaktur durch, katalogisierte Kunst-Sammlungen und arbeitete für verschiedene Kölner Galeristen. Neben der Arbeit als Ausstellungskuratorin schrieb sie über Architektur und Kunst, Theater und Film, aber auch über gesellschaftskritische Fragen. Mindestens ein Roman (Männer im Hintergrund) über eine Frankfurter Frauensiedlung wurde nicht publiziert. Ihre Wohnung wurde zur beliebten Anlaufstelle für Theaterleute, Schauspieler und Autoren, wie Brecht, Eisler und Weill. Der Fotograf August Sander, ebenfalls ein Freund des Hauses, porträtierte Lou und Jimmy 1928 für eine großangelegte Porträtreihe. Hitlers späterer Bildhauer Arno Breker machte ihr den Hof und auch zu Oberbürgermeister Konrad Adenauer hielt sie guten Kontakt, da sie dessen Pressereferenten längere Zeit datete und durch den sie einige der Reden des OB schrieb.

Als 1933 die Nazis die Macht übernahmen und die SS ihre Wohnung durchsuchte, flüchtete sie nach Paris, wo sie in einem Emigrantenhotel im Quartier Latin wohnte und losen Kontakt zu ihrem inzwischen wieder verheirateten Exmann hielt und sich mit Deutschunterricht, Museumsführungen für deutsche Touristen und Schreibarbeiten durchschlug und gelegentlich für die Neue Zürcher Zeitung, die Saarbrückener Deutsche Freiheit und die berühmte Emigranten-Zeitung Pariser Tageblatt und dessen Nachfolgerin, die Pariser Tageszeitung schrieb.

Neben Kurzgeschichten aus dem Emigrantenleben entstand dort auch der jetzt wiederverlegte Fortsetzungsroman Zauberkreis Paris. Ihr Sohn, der in Deutschland wohnte, besuchte sie zweimal im Jahr, bis er 1938 nach New York emigrieren konnte. Seine Mutter konnte er nicht von einer eigenen Emigration überzeugen, doch sein Vater folgte ihm 1941 zusammen mit seiner späteren dritten Ehefrau Peggy Guggenheim. Die amerikanische Hilfsorganisation „Emergency Rescue Committee“, die sich um die Rettung bekannter Persönlichkeiten kümmerte, scheiterte mit dem zugesagten Ausreisevisum für Louise, das Präsidentengattin Eleanor Roosevelt im letzten Moment zurückzog. Wegen ihrer Nähe zur französischen Résistance wurde sie dann kurze Zeit im berüchtigte Internierungslager Camp de Gurs an den Pyrenäen eigesperrt, dann aber durch ihren damaligen Lebensgefährten, dem Journalisten und Kunsthistorikers Fritz Neugass wieder entlassen. Nach einer Zeit in Cannes – im noch unbesetzten Süden Frankreichs – folgte nach der Ausweisung 1941 mit anderen jüdischen Emigranten eine Zuflucht beim provenzalischen Dichter Jean Giono im Hinterland, wo sie ihre Autobiographie "Nomadengut" schrieb, die im Jahr 2000 auf Initiative des Sprengel-Museum-Direktors Ulrich Krempel gedruckt wurde. Während Neugass im Dezember 1941 über Casablanca und Kuba in die USA emigrieren konnte, blieb Luise Straus-Ernst allein zurück. Alle Bemühungen zur Auswanderung scheiterten. 1943 kam die Gestapo in den Ort kam und führte Razzien durch. 1944 nahm man die inzwischen schwer erkrankte 50-jährige nur wenige Wochen vor der Landung der Alliierten zusammen mit anderen Flüchtlingen fest, deportierte sie mit einem der letzten Züge nach Auschwitz, wo sie - das genaue Datum ist unbekannt- im Juli 1944 ermordet wurde.

Temporeich erzählt der autobiografisch grundierte Roman „Zauberkreis Paris“ das Schicksal eines Paares, das unter dem Druck der NS-Verhältnisse auseinandergerissen wird. Während Peter ins Exil nach Paris geht, sich dort in die geheimnisvolle Russin Borja verliebt und müßiggängerisch in den Tag hineinlebt, versucht Ulla, sich trotz aller Restriktionen in ihrer Heimat durchzuschlagen. Als sie nach ein paar Monaten ihrem Freund in die französische Metropole folgt, muss sie feststellen, dass er inzwischen ein Verhältnis mit Borja eingegangen und ihre Liebe zerbrochen ist. Anstatt zu resignieren, stellt sich Ulla den Widrigkeiten der Fremde: Das Exil wird für sie zu einer harten Schule, ihr Kampf um Existenzsicherung, um Anerkennung zu einem Prozess der Emanzipation und des wachsenden Selbstvertrauens. Am Ende gerät Peter in einen tödlichen Strudel krimineller Machenschaften, während es Ulla in der Auseinandersetzung mit den Herausforderungen des Exils gelingt, sich neu zu (er)finden.

Das lesenswerte Buch ist ein einzigartiges Plädoyer gegen den Ungeist und die Mutlosigkeit, zugleich für den Glauben an die Zukunft. Der als Herausgeber agierende 55-jährige Armin Strohmeyr lebt als freier Autor und Publizist in Berlin und veröffentlichte bereits Biografien über Klaus und Erika Mann, Annette Kolb, George Sand und die beeindruckende Lady Hester Standhope auch verschiedene Porträtsammlungen, etwa über die Frauen der Brentanos. Ihm gelang hier eine wahre literarische Entdeckung, denn außer der bei uns erst 1988 posthum erschienenen Autobiografie "Nicht gerade ein Stillleben" ihres Sohnes Jimmy, in der neben Vater Max auch Mutter Luise eine wichtige Rolle spielt, hatte es diese starke Frau leider kaum geschafft, aus dem Schatten ihres Exmannes hervorzutreten.

Louise Straus-Ernst/Armin Strohmeyr, Zauberkreis Paris: Roman aus dem Exil, Südverlag, Hardcover, 200 Seiten, ISBN 978-3878001577, 20 Euro

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(c) Magazin Frankfurt, 2022