Evans, Atlas der Kunstverbrechen

Die Pressemeldung über das Erscheinen von Laura Evans "Atlas der Kunstverbrechen" beim Prestel Verlag hat mich sofort fasziniert. Das Thema ist einfach unglaublich. Der Untertitel des Buchs der US-amerikanischen Kunsthistorikerin ist eindeutig: "Diebstahl, Fälschung und Vandalismus". Ich habe mir während der Schulzeit und meinem kunstgeschichtlichen Studium ein paar Mark nebenbei verdient, indem ich aushilfsweise in der Gemäldegalerie Alter Meister im Kasseler Schloss Wilhelmshöhe gearbeitet habe. Dort gab es durch die Sammelleidenschaft des Landgrafen Wilhelm VIII. von Hessen-Kassel eine bemerkenswerte Sammlung flämischer und holländischer Malerei des 17. Jahrhunderts mit Hauptvertretern des dortigen Barocks wie Rembrandt, Hals, Rubens, den van Dycks und Jacob Jordaens. Der Jakobssegen und das Bildnis seiner Frau Saskia im Rembrandt-Saal sowie weitere Gemälde im damals kostenfrei zugänglichen Museum haben damals für gute Besucherzahlen gesorgt.

Wir sollten auch nicht vergessen, dass Napoléons Bruder Jérôme hier gelebt hat. Zwar hat man versucht, die wertvollsten Bilder in Sicherheit zu bringen, aber das hat nicht geklappt. Viele Meisterwerke sind dann erst bei Kaiserin Josephine gelandet und später in der Eremitage in St. Petersburg. Auch zu meiner Zeit im Museum kam es durch den psychisch gestörten Kunstschänder Hans-Joachim Bohlmann im Oktober 1977 zu einem Attentat auf die Kunst. Der Frührentner hatte nach dem Tod seiner Frau seit Frühjahr 1977 mehrere Anschläge mit Säure in deutschen Museen verübt. Dabei hatte er unter anderem Paul Klees Goldfisch in der Hamburger Kunsthalle, Bildnisse Luthers von Lucas Cranach in Hannover und Rubens Gemälde von Erzherzog Albrecht in Düsseldorf verätzt. In Kassel besprühte er unter anderem Rembrandts Jacobssegen und verursachte dadurch allein an diesem Bild, dem wertvollsten Kunstwerk in Hessen, einen Schaden in Höhe von 25 Millionen DM. Das Museum und die Kollegen, die dort gerade aufpassten, wussten schon seit dem Sommer Bescheid. Trotzdem gelang es Bohlmann mit einer kleinen Glasflasche Schwefelsäure, die er in einem Strumpf versteckt hatte, ins Museum zu kommen. Dort hat er dann sein "größtes Werk" gemacht. Unbeobachtet hat er damals Säure auf die Gesichter der von Rembrandt Porträtierten gespritzt. Er konnte das Museum ungestört verlassen und mit Straßenbahn und mit dem Zug nach Hamburg fahren, bevor der Schaden bemerkt wurde. Dank der guten Beschreibung einiger meiner Kollegen konnte die Polizei schnell ein detailliertes Täterprofil erstellen. Bei dem Pressetermin im Schloss konnte die Polizei die Medien deshalb gut informieren. Ein dpa-Journalist, der seine Geschichte an die Agentur durchgeben wollte – Smartphones gab es damals ja noch nicht – fragte mangels Telefonzelle beim Schloss den Empfangschef eines nahegelegenen Hotels, in dem der Bohlmann am Abend zuvor abgestiegen war, ob er dort telefonieren dürfe. Der Hotelmanager erinnerte sich bei der Beschreibung des Täters an den Gast vom Vortag und so konnte die Polizei dank der richtigen Adresse Bohlmann schon am nächsten Tag verhaften. Er wurde zu fünf Jahren Knast verurteilt, kam dann aber wieder frei und hat sich gleich wieder daneben benommen. Bis zu seinem Tod konnte ihn nur seine Zeit in der Haft oder in der geschlossenen Psychiatrie davon abhalten, Kunst zu schänden.

Ich hatte gehofft, in dem Atlas mehr darüber zu erfahren, doch die Fälle von Bohlmann lässt Laure Evans in ihrem Buch aus. Sie hat ihren Atlas in drei Bereiche aufgeteilt: Diebstahl, Vandalismus und Fälschung. Dabei machen Diebstähle mehr als die Hälfte des Buchs aus. Etwa ein Drittel der Fälle weltweit sind Diebstähle in Europa, danach kommen die amerikanischen Raubzüge. Und auch beim Vandalismus ist Europa vorne mit dabei. Da Vincis "Mona Lisa" ist ein beliebtes Ziel für Vandalen. Nach dem Diebstahl 1911, der ihren Ruhm begründete, wurde sie zwischen 1956 und 2024 sechsmal Opfer von Anschlägen. Einmal von einer Behinderten und dann von einem Mann, der die Vorteile für Behinderte missbrauchte. Zuletzt von Klimaaktivisten der letzten Generation.

Bei den Fälschungen ist der Fall Beltracchi natürlich besonders interessant, weil hier Europa wieder einmal vorne mitmischt. Der fähige und sachkundige Fälscher kommt aus Deutschland und lebt und arbeitet an den schönsten Orten der Welt. Seine Frau hat mit einer erfundenen Geschichte über Kunstwerke aus der Sammlung ihres Großvaters, der sie von dem jüdischen Kunsthändler Flechtheim angeblich gekauft hat, eine Menge Geld gemacht. So sind neue Werke von Surrealisten und Kubisten entstanden. Meist schaffte es das Paar selbst renommierte Kunstexperten wie Werner Spieß, Kunstprofessor in Düsseldorf, Edelfeder der FAZ und ehemaliger Direktor des Centre Pompidou, als Gutachter zu gewinnen, die damit ihren Ruf ruinierten.

Die 75 einzelnen Fälle sind nicht sehr ausführlich. Normalerweise gibt's nur Text auf einer Seite und Bilder auf der anderen. Tiefgehende Informationen werden so leider nicht vermittelt, aber das Buch ist ein kurzweiliger Streifzug durch die manchmal auch offiziell halbseidige bis kriminelle Welt der Kunst.

P.S.: Wussten Sie, dass Hermann Göring in den 1940er Jahren "Christus und die Ehebrecherin" ,einen angeblichen Vermeer, gegen fast 200 echte Kunstwerke aus Nazi-Raubkunst tauschte? Der Deal wurde von dem niederländischen Kunstfälscher Han van Meegeren eingefädelt. Wer von den beiden war der größere Verbrecher? Göring hat sich in Nürnberg selbst umgebracht, nachdem er erfahren hatte, dass sein Lieblingsbild eine Fälschung war. Van Meegeren war übrigens nur einen Tag in Haft, die Beltracchis ein paar Jahre.

Laura Evans, Atlas der Kunstverbrechen - Diebstahl, Fälschung, Vandalismus, Prestel, Hardcover, 224 Seiten, ISBN 978-3791377100, 34 Euro

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