Schmuhl, Als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt war

Schmuhl, Als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt war

(c) Nünnerich-Asmus Verlag

Chemnitz liegt ein wenig am Rande. Dahinter liegt nur das Erzgebirge mit seiner Bergbautradition, das vor einigen Jahren zusammen mit dem Teil im benachbarten Tschechien als Montanregion Erzgebirge in die Welterbeliste der UNESCO aufgenommen wurde. Mit der Bahn ist die Stadt schwer zu erreichen. Von Leipzig aus bringt ein in die Jahre gekommener Bummelzug die Reisenden in gut einer Stunde in die neue Kulturhauptstadt. Nicht selten wird es eng im Zug, weil Waggons aus technischen Gründen nicht nutzbar sind. Während Erfurt, Halle, Dresden und Leipzig nach der Wiedervereinigung auch immer mehr Westdeutsche anzogen, blieb das "sächsische Manchester", wie es während der Industrialisierung im 19. Jahrhundert wegen der starken Rauch- und Schmutzentwicklung genannt wurde, vielen weitgehend unbekannt. Zu Unrecht! Das soll sich nun ändern, denn 2025 ist die drittgrößte Stadt Sachsens zur Kulturhauptstadt Europas gekürt worden und bietet ein buntes und vielfältiges Kulturprogramm.

Doch zurück in die Geschichte: 1953 wurde Chemnitz als Karl-Marx-Stadt zum sozialistischen Vorzeigeprojekt. Seit 1990 trägt die Stadt wieder ihren alten Namen, doch was geschah mit den Kunst- und Baudenkmälern dieser Zeit? Skulpturen wurden eingelagert, ausgelagert oder blieben einfach unbeachtet. Gebäude wurden abgerissen oder umgebaut, nur wenige erhielten eine Würdigung. Mit dem Hype um die so genannte Ostmoderne rückt auch in Chemnitz das eine oder andere Objekt zunehmend ins Blickfeld.

Neben diesen repräsentativen Bau- und Kunstwerken lenkt das spannende Buch den Blick aber auch auf die Hinterlassenschaften des Alltags. Neben dem weltberühmten Nischel und der Stadthalle samt Interhotel werden Werke namhafter DDR-Künstler, Brunnen und Plattenbauten vorgestellt. Aufgelockert wird der Stadtführer durch Erläuterungen zu vielen Aspekten des (sozialistischen) Lebens in Karl-Marx-Stadt und durch zehn überraschende Geschichten. Oder wissen Sie, was der ‚Heiße Draht‘ zwischen Moskau und Washington mit Karl-Marx-Stadt zu tun hat?

Die Autorin ist promovierte Historikerin und Archäologin hat ihren Forschungsschwerpunkt in der römischen Antike. Sie arbeitete an verschiedenen Museen wie dem Braunschweigischen Landesmuseum oder den Staatlichen Antikensammlungen und Glyptothek, widmete sich der Erforschung der antiken und frühmittelalterlichen Tafelmalerei, bevor sie 2019 Ausstellungen am Staatlichen Museum für Archäologie in Chemnitz organisierte und seit dem Umzug erfolgreich auf der Suche nach Relikten der DDR-Vergangenheit in der Stadt ist.

Yvonne Schmuhl, Als Chemnitz noch Karl-Marx-Stadt war, Nünnerich-Asmus Verlag, Broschur, 232 Seiten, ISBN 978-3-96176-296-5, 22 Euro

(c) Magazin Frankfurt, 2026