Deutlich drückte Hinkel dem Premierenstück seine persönliche Duftmarke auf. Für den scheidenden Everding-Schüler, der die Intendanz der Festspiele von seinem Vorgänger Dieter Wedel 2018 als sein Stellvertreter übernahm, sind die 74. Bad Hersfelder Festspiele seine letzten. 2026 übernimmt die Wienerin Elke Hesse erneut das Ruder, die es bereits in den 2000er Jahren innehatte. Shakespeares Sommernachtsraum diente bei der Hinkel-Version unübersehbar als Grundlage, der er nicht nur durch musikalische Begleitung, sondern auch durch Einbindung von mehreren Liebespaaren aus anderen Shakespeare-Stücken und einigen Songs und Orchesterbegleitung neues Leben einhauchen wollte. Dafür versetzte er die Komödie vom antiken Athen ins ausgehende 19. Jahrhundert, was eigentlich egal ist, denn zu jeder Zeit gab und gibt es Liebende und jede Menge Irrungen und Wirrungen.
Wenn man das wie Shakespeare geschickt verpackt und mehrere Geschichten miteinander verknüpft, darf man mit Lachern rechnen. Das hat auch bei Hinkels Fassung geklappt, der für das - anders als zur stark von Prominenz und aus Südhessen besuchten Premiere – oft aus der nordhessischen Region angereisten Publikum einiges an eindeutig Zweideutigen und humorigen Klamauk auftischte. Nicht immer dürfte den Besuchern, schon durch die Änderung vieler Namen, der Bezug zu den anderen Shakespeare-Liebespaaren auffallen, derer sich Hinkel in seiner Neufassung bedient hat. Da der grobe Ablauf erhalten blieb, gab es allerdings kaum Verunsicherungen beim Publikum und Hinkel konnte mit den neu arrangierten Shakespeare-Personal seine eigene Version publikumsfreundlich umsetzen und einen Großteil von dessen erst in der Weimarer Klassik adäquat übersetzten geschliffener Textkunst übernehmen. Hinkel nennt „das Stück ist eine Hymne auf die Liebe und eine Hymne auf das Theater. Es strotzt nur so vor skurrilen Einfällen, erotischer Fantasie, unerwarteten Wendungen, feinsinniger Melancholie und fantastischer Komik, die man weiterspinnen kann.“
Mit seiner Neufassung und der musikalischen Begleitung hat Hinkel die gut zwei Stunden, in denen man das Original bei guter Planung über die Bühne bringen kann, auf mehr als drei Stunden ausgeweitet. Das kann, wenn es bei Veranstaltungen mal heiß wird, die Zuschauer schon mal an die Grenzen bringen, obwohl das Zeltdach die Zuschauer wirksam vor Wind, Wetter und Sonne schützt. Wenn nach gut 90 Minuten der Esel die Bühne übernimmt merken die Zuschauer dankbar, dass sie in die Pause entlassen sind. Es ist meist leichter, Neufassungen auszudehnen als sie inhaltlich zu raffen.
Joern Hinkel hat die monumentale Kulisse der alten Stiftsruine erstklassig besetzt hat. Die Besetzung war und ist einer der Anziehungspunkte der Festspiele, die mit fast zwei Monaten Länge zu den Longplayern der deutschen Festivals zählen. Einige der Veranstaltungen finden auch in kleineren Spielstätten, wie der Freilichtbühne von Schloss Eichhof statt, doch in der Stiftsruine sind es immer rund 1.300 Plätze, die gefüllt werden müssen. Da sind große aus Film und Fernsehen bekannte Namen Pflicht, um auch Busplanern aus dem Herzen des Landes ein attraktives Produkt anbieten zu können. Auch diesmal ist es Hinkel gelungen, eine Reihe von bekannten Gesichtern zu gewinnen.
Für den Fürsten Theseus, der die Amazonenkönigin Hippolyta heiraten will, die in der Welt der Elfen Oberon und Titania verkörpern, hat Hinkel den Burgschauspieler Christian Nickel und die TV-erfahrene Bettina Hauenschild gewinnen können, die der Region eng verbunden ist und die in Nordhessen lebt.
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Beide sind erfahrene Festspielgäste in Bad Hersfeld, die versiert auf der Bühne agierten. In ihrem Stab auch die meisten anderen Liebenden wie die überzeugende junge Viererbande aus Helena (Helena Charlotte Sigal), Hermia (Gioia Osthoff), Lysander (Till Timmermann) und Demetrius (Maximilian Gehrlinger) oder Theseus Haushofmeister Philostrat (Älteren als Zorro aus der Lindenstrasse bekannt: Thorsten Nindel) die real und verzaubert die Liebe und ihre Wirrungen ausloteten.
Mit dem deutsch-türkischen Frauenschwarm Erol Sander hat Hinkel einen der TV-Stars nach Bad Hersfeld gelotst. Der Endfünfziger ist den TV-Zuschauern unter anderem als Kommissar Sinan Toprak bei RTL oder aus der Mordkommission Istanbul der ARD bekannt. Er wurde in die Gruppe der Handwerker platziert, die für die teils grob humorigen Partien des Stücks sorgten. Neben Sander sind mit Günter Alt, Peter Englert, Wolfgang Seidenberg, Peter Wagner und Mathias Znidarec allesamt bereits Mitspieler aus den Vorjahren in Hersfeld dabei. Die Deppen aus der Provinz spielend, sorgten sie mit ihren Posen und Proben zum Begleitprogramm der herrschaftlichen Hochzeit für Lacher. Manchmal wirkte der Klamauk allerdings ein wenig zu überzogen und langatmig und man hätte ihn kürzen können.
Auch das Personal des Herrschers konnte mit viel Spielfreude begeistern. Mariana Löschert als Köchin hatte alle weiblichen Akteure unter ihren Fittichen und schaffte es mit viel Gespür für den richtigen Augenblick, dass ihre Mitstreiterinnen ihre Momente im Spiel hatten. Anouschka Renzi, die schon als Kind durch ihre Mutter Eva Renzi und Stiefvater Paul Hubschmid eng ins Schauspieldasein geworfen wurde ist zwischenzeitlich selbst eine erfolgreiche Schauspielerin. Sie spielte die Zofe Katharina mit Alkoholproblemen. Auch die Zimmermädchen und Küchenhilfen hatten – fast wie bei Downton Abbey – ihr persönliches Päckchen mit funktionierenden und vergeblichen Liebschaften zu tragen. Eindrucksvoll Olivia Grassner, die beim König der Löwen als Sarabi zu hören ist und auch in Hersfeld stimmlich und darstellerisch beeindruckte. Auch Küchenhilfe Rosalinde (Alicja Rosinski) spielt mit Philostrat ihr eigenes Spielchen, bei dem Theseus Kammerdiener Cesario (Uta Krüger) eine wichtige Rolle spielt.
Auch die anderen Schauspieler sind durchweg solide besetzt und spielen das Stück mit viel Verve. Besonders eindrucksvoll war dabei Anna Graenzer in der Rolle des Pucks. Sie schaffte es, dem kleinen Kobold mit ihren überraschenden Auftritten stimmlich und schauspielerisch ein Gesicht zu geben, dass die Zuschauer so schnell nicht vergessen werden.
© Michael Ritter
Sommernachtsträume nach William Shakespeare von Joern Hinkel mit Musik von Jörg Gollasch, Stiftsruine, Bad Hersfelder Festspiele, Regie: Joern Hinkel, Musikalische Leitung des Orchesters der Bad Hersfelder Festspiele: Christoph Wohlleben
Besuchte Aufführung 22. Juni 2025 15 Uhr, Dauer mit einer Pause: gut 3 Stunden, weitere Aufführungen 11., 13., 15., 16. Und 17. August 2025 um 20:30 odeer 21 Uhr, am 16.8. um 15 Uhr |