George, Wer Zwietracht sät

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Elizabeth George, Wer Zwietracht sät

(c) Goldmann

Elisabeth George recherchiert ausgesprochen akribisch, wenn sie sich an die Arbeit an einen ihrer bisher 22 Bücher rund um DSI Lynley und DS Havers macht, die seit 1988 erschienen sind. Ging es anfangs zügiger mit dem Erscheinen, liegen inzwischen meist zwei bis drei Jahre zwischen den einzelnen Bänden, denn jedesmal sind ihre Bände nicht nur in den Fakten über Ort und Geschehen nachprüfbar, sondern auch detailverliebt auf mehr meist mehr als 700 Buchseiten geschrieben. Bei der Chronologie bei den Fällen für die Metropolitan Police innerhalb der Reihe sind die Zeiten zwischen den einzelnen Fällen deutlich kürzer. So kommt im neuen Buch wieder einmal die Erinnerung ans Lynleys Frau Helen auf, die im 2006 erschienenen 14. Band "Am Ende war die Tat" vor seinen Augen ermordet wird. Im neuen Band liegt dieses prägende Ereignis gerade einmal drei Jahre zurück.

George, die nur sporadisch für ihre Recherchen vom idyllischen Whidbey Island vor der Pazifikküste zwischen Seattle und Vancouver nach London und in die Region ihrer jeweiligen Geschichte reist, spart sich Nebenhandlungen weitgehend aus, die - wie der Brexit - damit kollidieren könnten. Natürlich hat dieser auch dazu beigetragen, dass die einstige omnipräsente Polizei in der Provinz zusammengeschrumpft ist und Polizeireviere nicht mehr überall rund um die Uhr oder auch nur rund um die Woche besetzt sind. Kapitalverbrechen wie Mord werden dabei von spezialisierten Einheiten der territorialen Polizeibehörden untersucht, denen die National Crime Agency (NCA) bei Bedarf Unterstützung und Spezialisten bereitstellt. Diese ermitteln auch im neuen Band den brutalen Mord an Michael Lobb, einen angesehenen Unternehmer aus der Nähe des Städtchens Trevellas in Cornwall. Im Original heißt das Buch "A Slowly Dying Cause", was übersetzt so viel wie „Ein langsam sterbende Sache“ bedeutet. Und langsam näheren wir uns darin auf 752 Seiten auch der Ursache des Übels. George kehrt dabei zu ihren bewährten Stärken zurück: psychologische Tiefe, komplexe Zeichnung der Figuren und eine Handlung, die weit über einen simplen Whodunit hinausgeht.

Die zentrale Frage nach dem Mord ist für die ermittelnde lokale Kriminalbeamtin nicht ganz übersichtlich. Hat die Tat etwas mit einem geplanten Bauvorhaben zu tun, denn gefunden wurde Lobb von einem Mitarbeiter eines Bergbauunternehmens, das das Grundstück für den Bau einer Anlage zur Lithiumgewinnung erwerben möchte und in ganz Cornwall nach geeigneten Bohrstellen sucht. Waren es familiäre Konflikte, die zum Tod von Lobb geführt haben? Seine zweite Frau Kayla ist Jahrzehnte jünger und wenn sie das beträchtliche Vermögen erben sollte, wäre sie schnell unter Verdacht. Doch dann zeigt sich durch die wenigen Mitarbeiter Lobbs, warum unsere beiden Londoner Kriminalisten Havers und Lynley involviert werden. Schnell wird klar, dass Dr. Daidre Trahair, die Tierärztin für Exoten im Londoner Zoo, die in mehreren der früheren Bände ihren eigenen Bezug zu Cornwall zeigt und eine Beziehung zu DI Lynley eingegangen war, enger mit diesen Mitarbeitern verbunden ist und aus diesem Grund DS Havers um Unterstützung bittet. So führt der Weg irgendwann zum Anwesen der Ashertons, dem feudalen Stammsitz von Lynleys Familie.

Georges Stärke liegt einmal mehr in ihrer Fähigkeit, ein dichtes Beziehungsgeflecht zu weben. Sie entwirft ein Geflecht aus familiären Konflikten, Erbschaftsstreitigkeiten und dem Bauprojekt, das anfangs viele Verdächtige hervorbringt. Die Autorin nimmt sich Zeit um ihre Figuren in all ihrer Komplexität zu entwickeln. Dabei geht es ihr weniger um rasante Action als um die Abgründe der menschlichen Psyche.

Besonders schön ist die atmosphärische Schilderung Cornwalls. Die raue Küstenlandschaft, die salzige Meeresluft und die Enge der kleinen Dörfer bilden die perfekte Kulisse für den Mordfall, bei dem Geheimnisse ans Licht kommen. Sie versteht es meisterhaft, diese Schauplätze als integralen Bestandteil der Erzählung zu nutzen.

Was viele Leser stören könnte, ist die späte Einbeziehung von Inspector Lynley, der erst lange nach Barbara Havers ins Spiel kommt, als er ihr bei Ermittlungen vor Ort überraschend über den Weg läuft. Zunächst hat sich George auf das regionale Umfeld, die involvierten Nebenfiguren und den Mord als Ausgangslage konzentriert. Die lokale Ermittlerin ermittelt dabei nicht immer sehr glücklich und vorausschauend. Das kann frustrierend sein, wenn man sich auf die bewährte Professionalität der Protagonisten der Reihe freut.

Was an dem Buch stören kann ist die Weitschweifigkeit in der Darstellung von Details. George lässt in einen Nebensatz im Buch Kritik an Harry Potter-Büchern anklingen und tatsächlich neigen viele der Krimis aus der Feder von dessen Autorin Joanne K, Rowling zu einer ermüdenden Langatmigkeit, bei der sich der Leser eine Straffung wünschen würde. Leider muss man dies auch für den neuen Band sagen, wenn sie Nebenfiguren bis hin zum nicht wirklich weiterführenden "Blümchendekor der Teetasse" beschreibt. Das wirkt in vielen Punkten zu detailverliebt. Hier würden sich viele Leser sicherlich eine Straffung wünschen – es muss ja nicht im kondensierten Stil von Readers Digest sein. Auch viele der Nebenfiguren erweisen sich im Verlauf der Handlung eher als unnötiger Ballast und man braucht Zeit, um sich in der komplexen Konstellation der einzelnen Figuren zurechtzufinden. Andererseits macht diese auch in Nebenhandlungen abschweifende Ausführlichkeit den Stil von Elisabeth George aus.

Gekonnte blickt George mit präzisem Blick und Gespür für Familiendynamik auf die Charaktere. Auch das Mordopfer Michael verrät in dazwischen gestreuten Kapiteln, was in den Jahren vor dem Mord passierte. So gerät die eigentlich zentrale Frage "Wer war es?" schnell aus dem Fokus, denn es geht mehr um die tieferen Ursachen: Warum konnte es so weit kommen? Welche Mechanismen von Habgier, Neid und Betrug haben zum Mord an Lobb geführt? Es sind dabei auch moralische und juristische Grauzonen, in denen sich die Beteiligten bewegen.

Die Beziehung zwischen Lynley und Havers klappt auch im 22. Band. Die beiden bleiben ein faszinierendes Duo – der aristokratische, kultivierte Lynley und seine eher raue , bodenständige und eher unkonventionelle Partnerin Havers. Das hat ihr Gutes, denn die unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen ergänzen sich hervorragend und George nutzt dies geschickt, um verschiedene Facetten des Falls zu beleuchten.

Die Auflösung des Falls ist fast typisch für George: vielschichtig, überraschend und doch im Nachhinein logisch nachvollziehbar. Keine simple Lösung, sondern ein Beleg, wie eng Schuld und Unschuld, Täter und Opfer manchmal beieinander liegen können. Was den Roman auszeichnet, ist die literarische Qualität, denn es ist kein einfacher Unterhaltungskrimi, sondern eher ein Gesellschaftsroman, in dem das Verbrechen als Katalysator dient, um soziale Strukturen und menschliche Schwächen zu untersuchen. Die Frage, wie weit Menschen für ihr eigenes Wohlergehen zu gehen bereit sind, wird subtil verwoben.

Elisabeth George, Wer Zwietracht sät, Goldmann, Hardcover, 755 Seiten, ISBN 978-3641329617, 27,99 Euro

(c) Magazin Frankfurt, 2026