Als Gustav Friedrich Hartlaub, der noch junge Direktor der Mannheimer Kunsthalle vor 100 Jahren eine neue Ausstellung plante, die später regional abgewandelt durch Deutschland touren sollte, war der Begriff "Neue Sachlichkeit" noch nicht etabliert, doch der damit verbundene Kunststil hatte sich nach dem Expressionismus in den Jahren nach dem Ende des Ersten Weltkriegs zu einer prägenden Stilrichtung im Deutschen Reich der Zwischenkriegszeit entwickelt. Als führende Vertreter hatten George Grosz, Otto Dix, Alexander Kanoldt, Franz Radziwill, Christian Schad und Georg Schrimpf auf sich aufmerksam gemacht, doch Hartlaub wollte mehr Vielfalt. Schon Mitte 1923 schrieb er mehrere Kunsthistoriker und Galeristen an und bat sie, ihm für eine geplante Ausstellung im selben Jahr, der er den Titel Neue Sachlichkeit‘ geben wollte, geeignete Künstler zu benennen, „die in den letzten zehn Jahren weder impressionistisch aufgelöst, noch expressionistisch abstrakt, weder rein sinnenhaft äußerlich, noch rein konstruktiv innerlich“ gemalt hätten. Der Rücklauf an Informationen war gut, doch organisatorische Schwierigkeiten und die Hyperinflation zwangen ihn zu einer Verschiebung.
Zwei Jahre später war es dann aber soweit und Hartlaub konnte über den Sommer 1925 124 Bilder von 32 Künstlern in einer Ausstellung zusammenbringen. Darunter Werke von Max Beckmann, Otto Dix, George Grosz, Wilhelm Heise, Alexander Kanoldt, Anton Räderscheidt, Georg Scholz und Georg Schrimpf – eine Frau war bei der Auswahl nicht dabei. Zwar waren die Besucherzahlen mit weniger als 5.000 Besuchern relativ bescheiden, doch erkannten Kritiker der überregionalen Presse schon die wegweisende Bedeutung der Ausstellung und sorgten dafür, dass bei weiteren Stationen in Thüringen und Sachsen deutlich mehr Besucher in die abgeänderte Ausstellung strömten und sich der Begriff Neue Sachlichkeit als Synonym für den kulturellen Aufbruch der 1920er Jahre in Kunst, Architektur und Literatur etablierte, auch wenn zum Beispiel der Kritiker Franz Roh in seinen Schriften vom Magischen Realismus sprach, ein Begriff, der aber erst stärker Verbreitung fand, nachdem die Nationalsozialisten die Macht ergriffen und auch die Herrschaft über die Begriffe übernahmen – und auch Hartlaub von seinem Direktorenposten entfernten.
Nicht nur in Deutschland malten Künstler in diesem Stil, auch in Österreich mit Rudolf Wacker, der Schweiz mit Niklaus Stöcklin und den Niederlanden mit Pyke Koch fand er Adepten und in Italien waren es die Künstler der Pittura metafisica, die eine erneute Rückbesinnung auf Ordnungsprinzipien und künstlerische Traditionen einleitete.
Die Neue Sachlichkeit zeichnet sich durch ihre realistische Darstellung der Welt und eine kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft aus. Mannheim war dabei eine der zentralen Städte der deutschen Kunstszene, die sich intensiv damit auseinandersetzte und auch nach dem Krieg das Erbe und die Vielfalt der Neuen Sachlichkeit beleuchtete, bei der auch soziale Missstände thematisiert wurden.
Auch zum 100-jährigen Jubiläum der Ausstellung Hartlaubs ist Mannheim wieder ein wichtiger Ort für Ausstellungen rund ums Thema Neue Sachlichkeit. Die Kunsthalle Mannheim als Austragungsort der Ursprungsausstellung und das renommierte Reiss-Engelhorn-Museum sind die beiden zentralen Institutionen, in denen schon in der Vergangenheit regelmäßig Werke von Künstlern der Bewegung präsentiert wurden. Mit der neuen Großausstellung, die in ein einjähriges Programm mehrerer Kultureinrichtungen der Stadt eingebunden ist, verschafft Mannheim einen einzigartigen Überblick nicht nur über die wichtigsten Vertreter der Neuen Sachlichkeit, wie Otto Dix, George Grosz und Christian Schad, sondern auch über weniger bekannte Künstler, die zur Entwicklung der Stilrichtung beigetragen haben.
Die Ausstellungen in Mannheim sind thematisch strukturiert. So werden beispielsweise soziale und politische Aspekte der Neuen Sachlichkeit hervorgehoben, wo die Werke eindrucksvoll zeigen, wie Künstler die Lebensrealität der Menschen in der Weimarer Republik reflektierten – von der Darstellung des urbanen Lebens bis hin zu den Herausforderungen der Arbeitslosigkeit und der sozialen Ungleichheit. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Verbindung zwischen Malerei, Fotografie und Grafik. Viele Künstler der Neuen Sachlichkeit experimentierten mit verschiedenen Medien, um ihre Botschaften zu vermitteln. Die Ausstellungen in Mannheim bieten auch interaktive Elemente, die es den Besuchern ermöglichen, die Techniken und Stile der Künstler besser zu verstehen. |
Neben den Ausstellungen selbst, bietet Mannheim eine Vielzahl von Angeboten, die sich mit der Neuen Sachlichkeit befassen. Theateraufführungen, Führungen, Vorträge und Workshops ermöglichen es den Besuchern, tiefer in die Materie einzutauchen und die Hintergründe der Kunst zu erforschen.
Den Auftakt zum Jubiläumsjahr machte das 1777 gegründete Nationaltheater, eines der ältesten kommunalen Theater der Welt, in dem unter anderem Schillers Die Räuber in dessen Anwesenheit seine Uraufführung erlebte, schon Mitte des Jahres 2024 mit Bertold Brechts Dreigroschenoper aus dem Jahr 1928, in der es al la Babylon Berlin um den Konkurrenz- und Existenzkampf zwischen zwei „Geschäftsleuten“ geht. Peachum, der Kopf der Londoner Bettelmafia, der Bettler erpresst und sie so ausstattet, dass sie das Mitleid der Passanten erregen und der Verbrecher Macheath, genannt Mackie Messer, der gute Beziehungen zu Polizeichef Brown unterhält geraten über die Verlobung von Polly Peachum mit Macheath aneinander. Die mittlere Phase der Weimarer Republik bis 1929 nannte man aufgrund des kurzeitigen wirtschaftlichen Aufschwungs gern „Die goldenen 20er“ . Einige profitierten davon, andere rissen die Entwicklungen ins Elend. Das wohl auffälligste Merkmal der literarischen „Neuen Sachlichkeit“ ist auch hier die Hinwendung zu gesellschaftlich geächteten Milieus wie Bettler, Räuber und Huren. Wegen der dringend notwendigen Renovierung des Theaters ist die Bühne ins Alte Kino Franklin am Rande der Stadt auf einen verlassenen US-Kasernengelände umgezogen.
Offizieller Startschuss waren danach die beiden Ausstellungen „hart & direkt. Zeichnung und Grafik der Neuen Sachlichkeit“ bis zum 12.Januar 2015 in der Kunsthalle Mannheim und „SACHLICH NEU. Fotografien von August Sander, Albert Renger-Patzsch & Robert Häusser“ bis zum 27. April 2025 im Reiss-Engelhorn-Museum. In „hart & direkt“ mit Zeichnungen und Grafik der Neuen Sachlichkeit zeigt Kurator Gunnar Saecker die starke Verwendung dieser Techniken in der Neuen Sachlichkeit. Große, teils brutale Nüchternheit der Darstellung ein kühl-realistischer Blick auf die Welt und soziale Fragen war vielen der Künstler der kleinen Kabinett-Ausstellung wichtig. Interessant ist dabei auch das Weiterleben von Methoden der Neuen Sachlichkeit von linientreuen Künstlern der NS-Zeit und von Tendenzen des Kunststils in der Nachkriegszeit. Viele der ausgestellten Werke stammen aus dem reichen Fundus der Kunsthalle, aber Saecker hat sie, wo es notwendig war, um einige bedeutende Leihgaben anderer Museen und Privatsammlungen ergänzt
Die noch länger zu besichtigende Fotoausstellung In den Reiss-Engelhorn-Museen (rem) hat Fotografien von August Sander, Albert Renger-Patzsch und Robert Häusser ausgewählt. Dabei beschränkt sich beeindruckende Aufnahmen der 1920er- und 1930er-Jahre von den beiden erstgenannten Fotografen, sondern stellt diese in einen Dialog mit Werken des 1924 geborenen preisgekrönten Mannheimer Fotografen Robert Häusser. Es geht dabei thematisch um den Umbruch und den Glauben am Fortschritt einerseits und die Skepsis auf der anderen Seite. Häusser zeigt in zwei faszinierenden Bildbänden über die Stadt ihre Menschen in einer kaum vergleichbaren Intensität. Die in den Jahren entstanden 4.000 bis 5.000 Aufnahmen werden heute im MARCHIVUM aufbewahrt.
Die von Claude W. Sui kurierte Ausstellung gliedert sich nach den Themen „Porträt und Menschendarstellungen“, „Industrie und Menschen bei der Arbeit“ sowie „Landschaftsräume“ und geben einen guten Einblick in die Werkphasen der drei Protagonisten. |