Akyol, Geliebte Mutter
Akyol, Geliebte Mutter
(c) Steidl
Die Jahre von Aynur Güvenlirs Kindheit und Jugend in Istanbul der 1960er und frühen 1970er Jahre waren noch froh und unbeschwert. Ihre Mutter hatte, nachdem ihr Vater von einem Ausflug nicht mehr in das anatolische Dorf zurückgekehrt war, rechtzeitig die Initiative ergriffen, bevor die alevitische Familie andere Pläne für sie festmachen konnten und war zusammen mit den beiden Kleinkindern in die Metropole am Bosporus geflohen. Dort arbeitete sie emsig, um sich und den Kindern ein gutes Leben zu ermöglichen, arbeitete an der Rezeption eines 5-Sterne-Hotels und wohnte dann in einem noblen Viertel auf der europäischen Seite. Alles hätte eigentlich gut werden können, doch dann ergriff ihr Bruder, der aufstrebende Polizist Veysel, beeinflusst von seiner Frau Ceyda das Ruder und verheiratete Aynur kurzerhand mit dem aus der anatolischen Provinz stammenden Sunniten Alvin, den er durch einen Bekannten kennenlernte. Der lebte zusammen mit Vater und Bruder in Herne und arbeitete in einer Zeche im Ruhrgebiet. Als sie heiraten, blühen in Istanbul die Tulpen. Aynur ist 19 Jahre alt, trägt gerne Schlaghosen und taillierte Blusen und hat für Frauen mit Kopftuch nur Spott übrig. Doch in Deutschland soll sich das alles ändern. Schon in der Hochzeitsnacht behandelt sie der ungebildete Alvin so grob, dass es einer Vergewaltigung gleichkommt. Der Mann vom Dorf stammt aus einer frommen Familie und schuftet in Deutschland unter Tage, denn Almanya ist für viele Türken eine Verheißung. Man möchte schnell reich werden und in der Türkei ein Haus kaufen. Aynur hat Almanya nie gelockt, doch ihr Bruder will sie endlich aus dem Haus haben - und sie muss sich als gute Schwester fügen. |
Doch nicht nur Alvin behandelte die widerspenstige Tochter Meryem mit äußerster Brutalität, auch Aynur schloss sich mit harten Schlägen an, um Meryem in einer Mixtur aus Lieblosigkeit und Gewalt auf das Leben vorzubereiten. Es sind massive Wunden, die ihr und dem sensiblen Bruder dabei in dieser Zeit einer völlig fehlgelaufenen Gastarbeiterpolitik von beiden Eltern in ihrem gemeinsamen Unglück zugefügt wurden - ohne die Chance einer staatlichen Hilfe. |
(c) Magazin Frankfurt, 2026
