An der Nordseeküste - Besuch in Cuxhaven

Das Cuxland - Entspannung zwischen Elbe und Weser

Es sind nur wenige Kilometer, die die Mündungen von Elbe und Weser in die Nordsee trennen. Die Kugelbake, ein rund 28 Meter hoher Holzturm, markiert am Strand von Cuxhaven das Ende der Elbe. Früher nannte man seit dem Mittelalter alle Seezeichen, auch die Leuchttürme, Bake und sie ist seit mehr als 100 Jahren das Wahrzeichen der Stadt. Hier liegt auch der nördlichste Punkt Niedersachsens. Die Cuxhaven-Döse vorgelagerte Insel Neuwerk, zu der man mit der Kutsche oder auf einer Wattwanderung wandern kann, gehört zu Hamburg, nachdem sie 1969 nach Tausch gegen den Amerikahafen wieder in den Besitz der Hansestadt übergingen, die Hamburg aber 14 Jahre später an das Land Niedersachsen abtrat. Die beiden Städte verbindet eine lange gemeinsame Geschichte, denn vom 13. Jahrhundert bis 1937 gehörte Cuxhaven zu Hamburg.

Schon diese historische Verbindung ließ die Fischerei in Cuxhaven groß werden, denn von Hamburg aus war das offene Meer gut 100 km entfernt. Schon im 18. Jahrhundert war die Fischerei und die aufkommende Fischindustrie der Schwerpunkt der regionalen Wirtschaft Der noch in der Kaiserzeit erbaute Alte Fischereihafen gehört noch immer zu den größten Fischereihäfen Deutschlands. Ab 1892 landeten die gefangenen Fische umgehend in einer kleinen hölzernen Versteigerungshalle am Hafen, ab 1908 im neuen Seefischmarkt. 13 Fischdampfern brachten damals rund 3.500 Tonnen Fisch nach Cuxhaven, die an 1935 über einen Fischversandbahnhof ins ganze Reich verschickt werden konnten. Doch größer als eine kleinere Mittelstadt ist Cuxhaven nie geworden. Hitlers Groß-Hamburg-Gesetz beendete 1937 Cuxhavens Zugehörigkeit zu Hamburg, das im Gegenzug benachbarte Städte wie Altona und Barmbek zum Gau Hamburg ausweiten konnte.



Auch wenn der Fischfang im Laufe der letzten Jahrzehnte in Deutschland eher rückläufig ist, genießen Fisch und Meeresfrüchte bei den Verbrauchern nach wie vor große Wertschätzung. Doch inzwischen wird durch die internationale Konkurrenz besonders aus Norwegen und China nur noch jeder fünfte Fisch von deutschen Fischern gefangen. Trotzdem bleibt die Fischerei an der Küste ein wichtiger Wirtschaftszweig und hat einen hohen emotionalen Stellenwert. Stark ist die Fisch verarbeitende Industrie. Und es gibt Alternativen: Die Lage an der Elbmündung macht den Ort attraktiv als Standort für diverse Logistiker und als Basishafen für die Offshore gelegenen Windparks an der Küste und deren diversen Zulieferer. Eine neue Schwerlastplattform erlaubt inzwischen, komplett montierten Offshore-Anlagen umschlagen und in einem Offshore-Testfeld an der Elbe die Prototypen zu testen.

Auch touristisch tut sich schon seit 1816 etwas, als Hamburger Politiker und Kaufleute hier ein Seebad gründeten. Zunächst diente es nur dem Adel und einigen reichen Bürgern, die keine Angst vor dem Wasser hatten, doch schnell wurde der Kreis der Interessenten größer. Die Idee dafür stammt übrigens von einem schrulligen Göttinger Gelehrten, dem Physiker Georg Christoph Lichtenberg, manchen durch recht scharfzüngige Aphorismen bekannt, die er in seinen „Sudelbücher“ schrieb. Vorbild waren die Engländer, die seit Ende des 18. Jahrhunderts ihr Land zur Wiege des Badetourismus machten. Einige Küstenorte, wie Brighton, schaffen so schnell den Sprung von armem Fischerdorf zum beliebten Touristenort. Der Adel kaufte Landsitze und die Bauten der Upper Class im Regency-Stil säumten die breiten Promenaden.

Tour mit der Cux-Deern

Manja Freudenthal ist unsere Cux-Deern, die uns die Grenze zwischen Industriegebiet und Tourismus zeigt. Neben modernen Industrieunternehmen rund um Seefahrt und Neuen Energien boomt der Tourismus und der Seefischmarkt. Mit den Dampfschiffen entwickelte sich der Ort vom Nothafen zu einem der wichtigsten Fischereihäfen Deutschlands. Im Takt der Eilzüge nach Hamburg löschen die Fischer ihre Ladung, Händler feilschen um den besten Preis und wenig später verschicken sie den Fisch auf Straße und Schiene bis nach Übersee. Acht Stunden brachte der Zug nach Köln, zehn nach Berlin und selbst München war mit isolierten Spezialwagons in 18 Stunden zu erreichen.

Das prägt bis heute Land und Leute. Cux-Deern Manja, die in diese Tage hineingeboren wurde, kann sich noch an die Tage erinnern, als rings um die Hafenbecken Betrieb war und bis zu 100.000 Tonnen Fisch angelandet wurden. Nach dem 2. Weltkrieg profitierte Cuxhaven von Zerstörungen in Hamburg und Bremerhaven. Damals verkauften 72 Seefisch- und Heringsgroßhandlungen Meerestiere ins ganze Land. 26 Fischindustriebetriebe produzierten Konserven, Marinaden, Räucherfisch, Salzfisch in Öl oder Anchovis - zusätzlich acht Betriebe für die beliebten Krabben und Fabriken für Fischmehl. 7.000 Menschen fanden so Arbeit.

Heute fällt beim Rundgang durch die alten Hafenanlagen allerdings auf, dass schon seit Jahrzahnten immer mehr traditionelle Firmen das Handtuch werfen. Es braucht noch einiges an Transformation, um die alten Strukturen des Hafenviertels ins neue Jahrtausend zu überführen. Heute landen am Alten Fischereihafen nur noch Krabben, doch man kann dort leckere Fischgerichte bekommen. Das Fischereimuseum Windstärke 10 gibt einen guten Überblick über die Geschichte der Fischerei in Cuxhaven. Entlang der Fischmeile mit einigen bereits hinzugekommenen neuen Betrieben geben Infotafeln einen Einblick in die Fischindustrie.

Eines der Zukunftsprojekte, das noch auf seine Umsetzung wartet, ist das Hotel Alter Fischereihafen. Nach der Corona-Pandemie boomt der Absatz von E-Bikes und man trifft in der Region immer wieder Grüppchen radelnder Senioren. Sie könnten in der geplanten »Bed & Bike«-Unterkunft, die ab 2026 in den Obergeschossen zweier Fischhallen Platz gebaut wird, Unterschlupf finden. Mit 340 Betten legt das geplante Sporthotel seinen Fokus auf Radfahrer und Aktivurlauber. Diese Zielgruppe hatte man bisher am Endpunkt der sich hier treffenden Weser- und Elbe-Radwege vernachlässigt. Mit einem Fahrradladen mit Werkstatt lassen sich dann auch Probleme locker lösen. Ladestationen und sichere Abstellplätze verstehen sich von selbst.

Zum Abschluss des geht es zur Alten Liebe, einer der beliebtesten Sehenswürdigkeiten des Orts. Die alte zweigeschossige Aussichtsplattform erlaubt weiter Ausblicke auf Hafen und Elbe und ist seit fast 300 Jahren beliebter Treffpunkt. Mit Fernrohren kann man einen Blick auf die nahe Fahrrinne der Elbe werfen, eine der meistbefahrenen Schifffahrtsstraßen der Welt. Über 30.000 Schiffe passieren jährlich diese Stelle. Einst diente der stählerne Windsemaphor zur optischen Übermittlung von Windrichtung und Windstärke auf dem Weg der Schiffe nach Borkum im Westen und Helgoland im Norden. Einst eine wichtige Information, heute eher technisches Denkmal.

Der Stand in Duhnen

Welch eine Erholung nach dem schweißtreibenden Rundgang durch das alte Cuxhaven bietet ein Ausflug in den benachbarten Ortsteil Duhnen. Ferienwohnungen, Pensionen und Hotels liegen meist nur ein paar Meter vom Strand entfernt. Die 30 Meter hohe Kugelbake markiert den nördlichsten Punkt des niedersächsischen Festlands. Das Strandhaus Döse ist für Urlauber mit Kindern eine beliebte Anlaufstelle denn neben erfrischenden Eisbechern lockt dort auch der Spielplatz mit dem Wikingerschiff. Gerade mit Kleinkindern ist der Strandabschnitt ideal, denn auch bei Flut senkt er sich nur lang gemächlich zum Wattenmeer. Bei Ebbe ist hier ein beliebter Einstieg in eine kleine Wattwanderung. Mit ihren 11.500 Quadratkilometern ist die 500 km lange und bis zu 40 km breite Landschaft zwischen dem dänischen Skallingen im Nordosten und dem niederländischen Den Helder im Südwesten durch den bei Niedrigwasser freiliegenden Wattboden das größte Wattenmeer der Welt. Zweimal am Tag überflutet das Hochwasser das Watt, um dann bei Niedrigwasser wieder trocken zu fallen, wie man das im Fachdeutsch nennt. Läuft es hier beim Strand von Duhnen meist schnell auf der Fläche ab, sorgen an anderer Stelle tiefe Ströme, die sogenannten Priele, wie Arterien für den Ab- und Zufluss. Da der zeitliche Abstand zwischen Hoch- und Niedrigwasser etwas mehr als sechs Stunden beträgt, gibt es im Laufe des Jahres immer wieder eine zeitliche Verschiebung, die man im Gezeitenkalender einträgt, nach der sich fast alle Fährverbindungen und Aktivitäten ausrichten. Sehr alt ist das Wattenmeer noch nicht. Als es sich vor rund 7.500 Jahren bildete, wurde es schnell zu einem der Orte mit der weltweit höchsten Primärproduktionsrate, was Vögel und Fische als Rastplatz und Nahrungsquelle anlockte. Seit 2009 ist es UNESCO Weltnaturerbe, doch schon seit den 1970er Jahren steht es fast gänzlich unter Naturschutz, was zur Gründung des Nationalparks Wattenmeer führte, der als gelungenes Projekt für die Koexistenz von Mensch und Natur gilt.

Nicht ganz unproblematisch erweist sich gerade hier vor Ort die Mündung der Elbe. Man bezeichnet sie gern als Ästuar, da Gezeiten und Meersalz die Uferzone prägen. Neben reinem Süß- oder Salzwasser dominiert zwischen Geesthacht und Cuxhaven das Brackwasser, eine Mischung aus beiden. Hier leben besondere, genau an diese Verhältnisse angepasste Tier- und Pflanzenarten.

Der Hafen Hamburg liegt nur 100 Kilometer entfernt und ist der drittgrößte Hafen Europas. Sehr viele Seeschiffe, die dort landen, passieren Cuxhaven. Rund 40.000 haben Start oder Ziel in Hamburg, 30.000 führt der Weg durch den Nord-Ostsee-Kanal, um rund 250 Seemeilen und einen Tag für die Umschiffung Jütlands zu sparen. Da sich seit den 1990er Jahren die Größe der Containerschiffe durch Megaliner teilweise verdreifacht hat, muss die Fahrrinne, die man von der Kugelbake schnell beim Wattspaziergang erreicht, laufend ausgebaggert werden, um sie an den Tiefgang der großen Schiffe anzupassen. Tiefliegende Baggerschiffe fahren mit bis zu 7.500 Kubikmetern Schlick hinaus aufs Meer, schütten ihn dort ins Meer und kehren dann zurück zum Arbeitsplatz, um mit Saugrohren rund um die Uhr weiterzubaggern.

Rund 100 Millionen Euro kostet das den Bund pro Jahr, der auch die davon profitierenden Bundesländer an den Kosten beteiligen möchte. Ein endloses Spiel, denn Ebbe und Flut treiben immer wieder Sedimente in die Fahrrinne, die sich ablagern. Auch die Entsorgung des ausgebaggerten Elbschlicks birgt Probleme, da Hamburgs Wunsch, den Schlick in Sichtweite von Cuxhaven bei der zu Hamburg gehörenden Insel Scharhörn zu verklappen, bei den Niedersachsen auf Protest stößt. Die Abladung bei Helgoland bringt Kritik aus Schleswig-Holstein. Biologen sehen es meist kritisch, werden aber von der mächtigen Wirtschaftslobby überstimmt.

Die Small Five des Wattenmeers

Gabi kennt sich aus im Watt, auch wenn sie die Wattführungen erst seit ein paar Jahren anbietet. Den Spaziergang durch die Fauna des Wattenmeers widmet sie den „Small Five“. Man orientiert sich dabei an den großen afrikanischen Vorbildern Elefant, Löwe, Nashorn, Büffel und Leopard – nur sind die vorgestellten Wildtiere deutlich kleiner. Trotzdem bringen sie uns zum Staunen, wenn man etwas genauer hinschaut. Angepasst an Flut und Ebbe ertragen sie Salzwasser und Regenschauer, Frost und die sommerlich erbarmungslos herabknallende Sonne. Nicht leicht, sich der Armada hungriger Fressfeinde zu widersetzen. Immer wieder zeigt Gabi Tiere, die den Kampf nicht überlebt haben.

Doch wer sind diese Magic Five? Zum einen der Wattwurm, dessen Verdauungsprodukte uns vielerorts auf dem Wattboden begegnen und wie Haufen von Spagetti aussehen. Der 20 bis 40 cm lange Wattwurm frisst Sand und stößt dann diese Kothaufen aus. Der hintere Teil seines Körpers besteht quasi nur aus dem Darm. Doch wie kann er vom Sand in dem sauer stofffreien Untergrund leben? Die ausgewachsenen Tiere graben 20–30 cm tiefe U-förmige Röhren und fressen ständig Sand, aus dem sie die organischen Stoffe herausfiltern und verwerten. Rund einmal im Jahr fressen sie dabei den gesamten Sand des Wattes oberhalb von 20 cm Tiefe. Wir stampfen mit anderen Worten durch die Wattwurm-Kacke. Rund 40 Tiere leben pro Quadratmeter und jedes davon filtert pro Jahr 25 kg Sand. Alle halbe Stunde kommt der Wurm zum Ausgang und stößt einen neuen Haufen aus. Den Eingang bildet ein fast unsichtbares Loch an der Oberfläche, aus dem es ab und zu blubbert, der „Fresstrichter“. Hier nimmt der Wurm den nährstoffreichen Sand auf. Auch Austernfische und einige andere Vögle laufen mit uns durchs Watt. Wenn der Wattwurm gerade einen neuen Haufen ausscheidet, pieken sie mit ihren spitzen Schnäbeln ins Watt und versuchen ihn zu packen. Meist kann er sich tiefer in seine Röhre retten und stößt nur sein dünnes Hinterteil ab, dass der Vogel genussvoll verspeist.

No. 2 der Small Five ist die Gemeine Herzmuschel. Die kenne ich noch aus meiner Kindheit. Damals füllte man die leeren Schalen mit Bonbonmasse, die es am Kiosk gab und die ich langsam schleckte. Ihr natürlicher Inhalt ist essbar, weshalb sie millionenfach kommerziell gefischt wird. Sie lebt in dem Sand-Schlick in Tiefen bis zu zehn Metern. Im Watt der Nordsee ist sie die häufigste Muschelart. Bis zu 245 ausgewachsene Individuen leben pro Quadratmeter Wattboden – mehr als die Mitbewohner vergleichbarer Größe. Mit ihrem Siphon erreicht sie die Oberfläche. Um Fressfeinden zu entgehen, kann sie sich, wenn sie freigespült wird, innerhalb von wenigen Minuten ein Stück weiter wieder eingraben. Wenn Sauerstoff Mangelware ist, kann sie mehrere Tage überleben.

Die No. 3, die Gemeine Strandkrabbe, ist mit ihren bis zu 10 cm Größe ein echter Kämpfer. Beide Scheren der von einem harten Panzer geschützten Krabbe haben eine unterschiedliche Größe. Am Strand sind sie fast nicht zu übersehen, denn sie sind beliebte Beute der Seemöwen. Nicht alle überleben die Luftangriffe. Zwar kann man sie auch an ihrem Körperbau auseinanderhalten, aber Gabi zeigt uns an einem ausgebuddelten Exemplar, dass es sich um ein Männchen handelt. Beim Angriff von oben streckt es dem Angreifer die Scheren entgegen. Weibchen, sagt Gabi, schützen bei einem Angriff eher die Brut und halten sich die harten Scheren vor den Unterleib. Mit ihrem harten Panzer müssen sie sich immer wieder häuten. Der alte Panzer platzt auf. Die Krabbe pumpt sich mit Wasser auf und dehnt so den bereits darunterliegenden neuen Panzer. Der ist noch weich und braucht ein paar Tage zum Aushärten. In dieser Zeit ist sie empfindlicher gegenüber Attacken. Wenn sie freigespült wird, buddelt sie sich wie die Herzmuschel schnell wieder ein.

No. 4 ist die Gemeine Wattschnecke, die in sehr großer Population von bis zu 100.000 Tieren das Watt bevölkert, dabei aber selten zu sehen ist. Sie leben von Grün- und Kieselalgen und Bakterien. Richtig ortstreu sind sie nicht, denn sie lassen sich von den Gezeiten treiben und werden so zu den schnellsten Schnecken der Welt. Dabei sammeln sie Nahrung durch einen Schleimfilm auf dem Wasser, die sie später verzehren. Nach der Landung graben sie sich im Sandschlick ein und warten auf die nächste Flut. Ihr klebriger Schleim und Kot sorgen für die Ablagerung von neuem Sand.

Last but not least haben wir die Nordseegarnele. Obwohl manche auch den Wattschnecken kulinarisch etwas abgewinnen können, sind sie die einzigen der Small Five, die bei uns auf dem Esstisch landen. Doch dazu kommen wir etwas später noch ausführlich. Sie werden bis zu 8 Zentimeter lang, haben lange Antennen und Stielaugen und vergraben sich im Sand. Bei Flut wandern sie an die Wattoberfläche, bei Ebbe leben sie in den Prielen.

In der Nähe der Kugelbake zieht sich der Übergang zur Fahrrinne der Elbe wie ein Unterwasserdamm über das Watt. Ein beliebtes Ziel für die Wattwanderer, denn selten kommt man so vielen der riesigen Containerschiffe so nah. Am Strand warten Schläuche darauf, die schlickverkrusteten Füße wieder freizuspülen. Ein Handtuch sollte man ebenso wie genügend Trinkwasser bei einem Wattspaziergang immer dabeihaben.

Sterneküche im Badhotel Sternhagen

Als nächstes Ziel steht Niedersachsen einziges 5-Sterne-Superior-Hotel auf dem Programm: das Badhotel Sternhagen, in dem uns die sympathische Hotelchefin Susan Cantauw mit eisgekühlten Handtüchern, die uns die sonnige Wattwanderung schnell vergessen lassen, empfängt. Der Ortsteil Duhnen ist eines der Zentren des Fremdenverkehrs und das gediegene Hotel bietet Gästen neben einem Wellness-Ambiente vom Feisten, Thallasso-Therapie im Spa auch das sternegekrönte Gourmet-Restaurant Sterneck, das mit wundervollen Panoramablick auf das Wattenmeer und einer erstklassigen Küche punktet. Die auch vom renommierten US-Wine Spectator ausgezeichnete Weinkarte mit ihren 550 Positionen wird von Sommelière und Restaurantleiterin Anika Nührenberg ebenso gepflegt, wie die dazugehörenden 15.000 Flaschen im Weinkeller, den sie mit viel Herzblut auf dem neusten Stand hält. Die Lektüre der Karte macht Spaß, denn die Auswahl ist sehr gekonnt aus 15 wichtigen Weinländern zusammengestellt und die Preise sind für die Klasse der Gastronomie ausgesprochen fair kalkuliert. Natürlich finden sich dort einige der ganz großen Gewächse aus Frankreich, doch die erfahrene Fachfrau achtet stärker auf hohe Qualität als auf Namen.

Eine der Pflanzen, die hinter dem Deich gedeihen, ist der Queller, der auch Salicornia oder Seespargel genannt wird und sowohl im Watt wie auf den Salzwiesen der Küste wächst. Salaten verleiht er eine knackig-salzige Note. Leider ist Marc Rennhack während meines Besuchs im verdienten Urlaub. Der schon seit Jahren mit einem Michelin-Stern ausgezeichnete Küchenchef ist ein Freund der Leckereien des Meeres und serviert seinen Gästen gerne dessen Bewohner wie irische Austern, Jakobsmuscheln, Rauchaal oder Dorumer Krabben. Der 50-jährige Westfale hat früher unter anderem im Frankfurter Main Tower, bei Steinheuer an der Ahr und bei Amador erst in Aschaffenburg und später in Bukarest gearbeitet, bevor er 2012 die Küche des Gourmetrestaurants übernahm. Doch auch bei Thomas Hildebrandt, der für das auch externen Gästen offenstehende benachbarte Hotelrestaurant Schaarhörn zuständig ist, sind wir in sehr guten Händen. Meist sind es naturfrische biologisch angebaute Zutaten, die er von Hand für seine klassische und regionale Küche verarbeitet, die von ausgesuchten Höfen und Erzeugern der Region stammen.

Beliebt bei Radlern das Melkhus

Am nächsten Morgen geht es nach einem ausgiebigen Frühstück mit traumhafter Aussicht auf die Nordsee ins nahe Cappel zu Bianca Holst und ihrem Melkhus. Dabei habe ich natürlich gedacht, dass ich auf einem Bauernhof mit Kühnen und anderem Getier lande, doch weit gefehlt. Zwar gibt es dort auch Milch und diverse Milchprodukte, doch die kommen von der befreundeten Molkerei Hasenfleet und nicht von eigenen Tieren. Die kleine Molkerei hat schnell gelernt, dass bei dem harten Wettbewerb auf dem umkämpften Milchmarkt nur mit individueller Qualität gepunktet werden kann. Als Bianca vor einigen Jahren ihre „Milchbar“ eröffnete, hatte sie vermutlich nicht erwartet, wie gerne es von Fahrradtouristen und Einheimischen besuchen. Inzwischen gibt es neben ihrem Melkhus eröffnet. Damit erhöht sich die Zahl der einst deutlich mehr verbreiteten Melkhüs im Cuxland wieder auf sechs.

Die Nordseekrabben

Eine andere kulinarische Spezialität der Küstenregion sind die Nordseekrabben, von denen schon vor knapp 2000 Jahren Plinius berichtete, denn die Fischerei entlang der Tiede-Zonen der Küste hat eine lange Tradition und gilt als die älteste Form der Seefischerei. Wie Kaviar waren Krabben früher ein Arme-Leute-Essen, erfreuten sich aber bei den Küstenbewohnern großer Beliebtheit, denn es sorgte für die wichtige Eiweißzufuhr. Die Krabben fanden meist als Dünger oder Viehfutter Verwendung. Das hat sich erst viel später geändert, als die Menschen merkten, dass sie nach dem Kochen gut essbar waren.

Meist erntete man die Krabben durch das Ziehen von Schiebenetzen durch das flache Wasser und die Priele im Watt. Auch Reusen kamen zum Einsatz. Zu Hause wurden die Krabben dann gekocht und von Hand gepult. Reich werden konnte man damit auch beim Verkauf auf dem lokalen Markt nicht.

Krabbenfischer im heutigen Sinn gibt es erst seit rund 150 Jahren, als die Fischer mit dem Schleppnetz unterwegs waren, das damals noch von Hand ausgeworfen und eingeholt wurde. Richtig harte Arbeit. Man war dabei nicht auf die Ebbe angewiesen und die Kraft des Windes zog das Netz über den Wattboden. Die Krabben wurden noch an Bord gekocht, um sie haltbarer zu machen. Steigende Nachfrage machte Krabbenfischerei dann immer mehr zum eigenen Beruf. Die aufkommende Motorisierung sorgte für sogenannte Baumkurren an den Seiten. Dort wurden die Schleppnetze backbord (links) und steuerbord (rechts) befestigt, die dann über den Meeresboden kratzten. Carl von Lindes Kühltechnik steigerte die Effizienz weiter und Jahr für Jahr wurden mehr Krabben angelandet.

Meist pulten die Frauen der Fischer die Krabben in Heimarbeit, die Nachfrage sorgte für die Einbindung der ganzen Familie. Als auch hier das Limit erreicht war, brachte man die Krabben immer weiter weg. Erst war Polen der optimale Ort, nach der Perestroika suchte man Länder mit noch niedrigem Lohnniveau, wie Marokko, wo seit mehr als 30 Jahren so günstig gepult wird, dass sich sogar die ökologisch kaum vertretbare LKW-Fahrt über 8.000 Kilometer lohnt. 90 Prozent der Krabben werden dort von Hand gepult. Zu Corona-Zeiten wanderte der Krabben-Fang teilweise bis Indonesien. Nachhaltig ist das nicht.

Momentan werden viele Krabben-Liebhaber durch den Preis abgeschreckt, der durch die geringe Fangquote auf rund 8 Euro pro 100 Gramm angestiegen ist. Das ist auch der Preis, den man allerorts für ein Krabbenbrötchen an der Küste zahlt. Zum Teil liegt der hohe Preis daran, dass durch die Hygienevorschriften kaum noch in Heimarbeit gepult werden kann.

Frauke Fitters Vater Alwin Kocken von der Wurster Nordseeküste hatte deshalb in den 70er- und 80er Jahren eine Schälmaschine konstruiert, die durch Druckluft den mit Vakuum in der Maschine fixierten Krabben das Fleisch ausbläst. Letztendlich hat sich seine Erfindung nicht durchsetzen können, da bei der Maschine nur ein Viertel Fleisch überbleibt, ein Drittel weniger als bei Handarbeit. Zwar kann man die Panzer zum Teil noch für Fonds und Suppen weiterverarbeiten, aber in Zeiten hoher Krabbenpreise ist der reduzierte Ertrag ein Ausschlussgrund. Vielleicht hat Kocken auch zu wenig für das Marketing getan.

Inzwischen ist Kockens Patent abgelaufen und andere Tüftler, wie Christin Klever M.Sc, die Maschinenbau studiert hat und ihr Vater Günter, ein Kapitän und Fischwirtschaftsmeister aus Ostfriesland, zerbrechen sich zusammen mit dem Thünen-Institut für Seefischerei im nahen Bremerhaven den Kopf, wie sie es kontaktlos mit Schall besser machen könnte, um die Verluste zu minimieren. Die Forscher hoffen, dass damit auch Kohlendioxid eingespart werden kann und weite Transporte per Lkw und Schiff entfallen. Soziale und ökologische Nachhaltigkeit ist ihr Ziel.

Auch für Reststoffe wie Kopf und Exoskelett haben die Klevers eine Idee, sie nicht nur für Fonds und Futtermittel zu nutzen. Das enthaltene Astaxanthin kann auch in der Kosmetikbranche verwendet werden und aus dem Exoskelett der Krabben kann man das Polymer Chitosan gewinnen und daraus bioabbaubare Folien fertigen. Visionen, deren Umsetzung noch nicht vollendet ist, da Krieg und Embargo Russlands teilweise die Beschaffung wichtigen Zubehörs verhindern und so den Prototyp verzögern. Doch Günter Klever ist zuversichtlich, dass ihre Krabbenpulmaschine, wenn sie erst einmal umgesetzt ist, sogar die Erträge des Handpulens noch um einige Prozentpunkte steigern kann. Warum sollte man sie dann weiterhin nach Marokko schicken? Als entwicklungspolitische Maßnahme?

Manche Krabbenliebhaber kaufen wegen der hohen Preise die Krabben lieber ungepult. Dann kostet das Kilo derzeit rund 16 Euro. Frauke Fitters pult manchmal selbst Krabben von Hand. Rund drei Pfund schafft sie in gut einer Stunde. 16 Euro Unterschied - nicht gerade ein fürstlicher Lohn für die Arbeit. Doch Krabbenfreunden macht Drehen und Abpellen des Schwanzes und anschließende Herausziehen des Körpers Spaß und sie bekommen Krabben fast ohne die übliche Konservierung. Das dauert rund eine Woche und lässt die Krabben länger in der Konservierung liegen.

(c) Michael Ritter

(c) Magazin Frankfurt, 2026