Wirtschaft in Frankfurt und Rhein-Main

Fragwürdige Messung der Erdbelastung

Erde

The Earth seen from Apollo 17

Gestern Abend kam man um das Thema gar nicht herum. Alle – nicht nur die Öffentlich-Rechtlichen - hatten den Erdüberlastungstag breit in ihren Nachrichtensendungen platziert. „Berechnet von Wissenschaftlern und Umweltschützern, weltweit anerkannt“ verweist zum Beispiel der HR-Mann Sebastian Kisters in den Tagesthemen auf die Zahlen des Global Footprint Network. Einige seiner Kollegen verwiesen die Zuschauer auf deren Kalkulator im Internet, mit dessen Hilfe jeder seinen individuellen Fußabdruck berechnen könne. Das haben wir uns natürlich gleich anschauen wollen, merkten aber schnell, dass der mediale Werbedruck den zu kleinen Server schnell lahm gelegt hatte.

Doch heute Morgen klappt es dann mit dem Rechner. Mit einfachen Fragen kann dort auf Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch Deutsch und in zwei asiatischen Sprachen seinen persönlichen ökologischen Fußabdruck berechnen. Wirklich? Auf dem ersten Blick erschien uns die Seite, aus die viele der Sender so unkritisch verwiesen, wie ein Spendenportal, mit dem man Adressen von Gutgewillten sammelt. Doch wie ist die Qualität der Befragung?

Mein Erdverbrauch = 3,5 Erden

Ich selbst verhalte mich, abgesehen von der Ernährung, bei der ich stärker veganen und vegetarischen Produkten zusprechen sollte, so umweltverträglich wie möglich. Ich verzichte auf einen eigenen PKW, verwendet bevorzugt die Bahn und gehe viel zu Fuß oder nutze bei entsprechendem Angebot den ÖPNV. Ich trenne Müll gründlich, werfe nur sehr wenig Lebensmittel weg und kaufe diese - wenn möglich - so umweltfreundlich, unverpackt und regional wie möglich ein.

Bei uns zu Hause verwende ich gute Geräte von führenden Markenherstellern und achte beim Kauf weniger auf den Preis als auf stabile Geräte der höchsten Energieeffizienz-Stufe. Diese verwendet ich so lange, bis sie den Geist aufgeben und sich eine Reparatur nicht mehr lohnt. Ich verzichte auf Klimageräte und unnötige Stromfresser und heize im Winter wenige Räume und nicht über 18° C. Die Befragung ist offensichtlich international gehalten, denn beim Thema Wohnen werde ich gefragt in welchen Gebäudetyp ich wohne und anfangs irritiert darüber war, dass die Auswahl von „freistehend, ohne fließendes Wasser“ bis zur Luxus-Eigentumswohnung reicht. Als Baumaterial kann man Stroh, Bambus, Holz. Lehm, Backstein, Beton oder Stahl angeben.

Nachdem ich beantwortet habe, dass ich recht oft tierische Produkte essen, werde ich gefragt wie viele Lebensmittel unverarbeitet, unverpackt oder regional angebaut sind, wobei als regional eine Entfernung von 320 Kilometer angesehen wird, also fast ganz Deutschland. Probleme habe ich beim Thema Energieeffizient, denn ich finde mich nicht wirklich wieder. Bin ich schlecht isoliert, nur weil ich mein Haus nicht mit Styroporplatten dämme? Entsprechen meine Geräte noch den modernsten Anforderungen an Energieeffizienz? Sind meine Nachbarn da nicht besser dran, die alle paar Jahre die Haushaltsgeräte austauschen? Ich entscheide mich nach Abwägung dafür meine Energieeffizienz als „durchschnittlich“ einzustufen. Nachdem ich meinen Fragebogen ausgefüllt habe, bekomme ich das Ergebnis: 3,5 Erden bräuchte man danach, wenn alle wie ich leben würden. Mehr als der deutsche Durchschnitt? So viel wie meine Nachbarn? Habe ich die Nachhaltigkeit völlig falsch verstanden? Würde ich davon profitieren, wenn ich mir ein E-Auto kaufe? Mein Testresultat unterscheidet sich kaum von dem meines Nachbarn, der im SUV durch die Gegend braust und dem die Umwelt sichtlich egal ist.

Kind vor einer Lehmhütte in Afrika

Verbraucht er wirklich mehr 66 Prozent mehr Erde als eine Gro0stadt-Yuppie? (c) Pixabay CC0

Erdverbrauch Familie Burkina Faso 2 Erden

Ich habe daraufhin noch einmal am Beispiel einer vierköpfigen Familie aus der Sahelzone deren Erdverbrauch durchgerechnet. Diese lebt im ländlichen Norden Burkina Fasos in einem Dorf, überwiegend von Getreide und Gemüse aus eigenem Anbau und isst gelegentlich Fleisch und Milchprodukte von eigenen Ziegen und Hühnern. Die Familie lebt in einem kleinen Lehmhaus ohne fließend Wasser und Strom, denn die Versorgung ist dort ausgesprochen schlecht.

Abfall produziert die kleine Familie im gleichen Umfang wie die Nachbarn. Ein Auto oder Motorrad hat die Familie nicht, fährt einmal im Jahr mit dem Bus zu Verwandten in die 300 Kilometer entfernte Hauptstadt Ouagadougou. Flugzeuge kennt die Familie nur von Bildern. Als Ergebnis kommt bei ihnen dennoch einen Erdverbrauch von 2 Erden heraus. Ich verbrauche demnach 75 Prozent mehr.

Erdverbrauch Öko-Berater = 1,2 Erden

Versuchen wir es mit einem westlichen Vorzeige-Öko, einen Unternehmensberater, der mit seinem Freund oder seiner Freundin in einer Luxus-Eigentumswohnung in Hamburg lebt. Die Wohnung ist mit 100 Quadratmetern doppelt so groß wie das Häuschen der vierköpfigen Familie in Burkina Faso. Natürlich ist alles auf Energieeffizienz getrimmt. Man verwendet Ökostrom und produziert - da man ja ökologisch denkt – viel weniger Abfall als die Nachbarn. In Hamburg fährt das Paar meist mit dem Rad oder dem ÖPNV oder nutzt ein paarmal in der Woche einen der Carsharing-Autos vor der Tür. Nicht mehr als 1.000 Kilometer im Jahr - ein paar Ausflüge ans Meer oder an die Seen. Natürlich sind die Carsharing-Autos höchst effizient, meist elektrisch. Nach dem Theater; Kino oder Restaurant nutzen beide gerne das Ride-Sharing-Angebot Moia. Flix und bequem wie ein Taxi, aber preiswerter – und bringt beim Test noch Bonuspunkte als Nutzer von Fahrgemeinschaften. Da das Paar zentral an der Alster wohnt ist die ÖPNV-Nutzung sehr gering. Nach Global Footprint Network-Kalkulator liegt der Erdverbrauch der beiden am Ende bei nur 1,2 Erden.

Ein Drittel meines Verbrauchs und 40 Prozent weniger als die Familie aus Burkina Faso. Glückwunsch! Da können die beiden beruhigt einmal im Monat zu ihrem Häuschen am Gardasee fliegen . erst dann erreichen sie endlich den Erdverbrauch der Familie aus Burkina Faso.

Ein gelber Kasten über dem Ergebnis informiert mich über die hoehn Kosten des Rechners und bettelt um eine Spende. Ich ärgere mich darüber, dass die Kollegen vom Öffetnlich-Rechtlichen mal wieder schlampig recherchiert haben und einem zumindest fragwürdigen Netzwerk mit knalligen Slogans auf dem Leim gegangen ist. Ich reagiere auf die Spendenbettler ganz norddeutsch. „Da nicht für!“

© Michael Ritter

(c) Magazin Frankfurt, 2019