Oetker, Gebrauchsanweisung für Bordeaux

Braucht es Bilder, Stadtpläne und Landkarten, damit ein Reiseführer zum nützlichen Begleiter einer Reise wird? Nicht unbedingt - hatte ich bereits in jungen Jahren gelernt, als mich Studium und Arbeit nach Italien verschlug. Beim Einlesen in die Geschichte Roms fielen mir die Bücher des deutschen Journalisten Reinhard Raffelt in die Hand, die dieser in den 1950er und 60er Jahren für den Prestel-Verlag geschrieben hatte. "Concerto Romano" war der erste Band seines Rom-Zyklus. "Als die alten Römer auf dem Forum Romanum den goldenen Meilenstein, den Punkt Null, aufstellten, von dem aus sie die Länge ihrer Straßen bis in die fernsten Winkel ihres Weltreichs errechneten, da waren sie der Meinung, dass ihre Stadt der Mittelpunkt der Welt sei, Ursprung und Ziel aller menschlichen und geistigen Werte". Raffalt führte mich in seinem Buch von diesem städtischen 'Nabel' aus zu allen Monumenten der Ewigen Stadt und ließ mich miterleben, wie seit der Antike alle Generationen am Stadtbild Anteil hatten, das jeder Römer nach wie vor als wahren Ausdruck seines Wesens empfindet. Auch in seinen folgenden Bänden vermittelte mir Raffalt Kenntnisse über die Zusammenhänge, die ich in Stadt-, Kunst- und Architekturführern vergeblich gesucht hatte.

Raffalts späten und posthum erschienenen Bücher erschienen bei Piper. Das war auch die Zeit, als sich der Verlag mit seinen Gebrauchsanweisungen einen Namen für eine eigene Form der Reiseführer gemacht. Schon 1978 entstand Watzlawicks „Gebrauchsanweisung für Amerika“ als Pilotband, dem seither jährlich neue Titel folgten, in denen namhafte Autoren ihre Eindrücke und ortskundige Geschichten aufschreiben und sich mit persönlichem Blick den Ländern, Regionen oder Städten auf ungewöhnliche und literarische Weise annähern. Rund 120 sind derzeit lieferbar, pro Jahr kommen sechs bis acht neue Bände hinzu, die die Gesamtauflage mittlerweile auf über 3.3 Millionen Bücher anschwellen ließ.

Seinen Lesern bieten sie das, was man von einem Reiseführer erwartet: die sach- und ortskundige Führung durch das Reiseziel. Freunde der Studienreise schätzen auch die kundige Einordnung und Verknüpfung der Informationen, die sie von ihrem Reiseleiter erwarten. Da ist die persönliche Handschrift des Autors wichtiger, als ein auswendiggelerntes Zusammenklatschen von Fakten, mit dem manche Stadtführer ihre Kunden langweilen, dass der Erkenntnisgewinn davon abhängt, welche Kenntnissen man mitbringt. Viele Reiseführer ignorieren diesen Wunsch, wie frühe Baedeker-Führer oder Polyglott-Bände, die von einer Schar schlecht bezahlter Rechercheure unter Leitung einer zentralen Redaktion geschrieben wurden. Piper nimmt mit seiner Reihe die Tradition eines Theodor Fontane, Johann Wolfgang von Goethe wieder auf.

Aufmerksam darauf wurde ich auf die Reihe durch einen Kollegen, mit dem ich auf einer Recherchereise war und der von Bali schwärmte und mich auf die Gebrauchsanweisung verwies, die er darüber für Piper geschrieben habe. Bali - Strand, blaues Meer, zauberhafte Menschen, üppige Vegetation - wie will man das dem Leser ohne Bilder näherbringen? Die Lektüre des Bandes belehrte mich eines Besseren. Zwar ist es zweifelsfrei hilfreich, wenn man schon ein Bild von Bali vor Augen hat, aber Thomas Blubachers in mehreren kleinen Geschichten dargelegten Einblicke in die Kultur, die Natur und das Leben auf der Insel brachten mir mehr Erkenntnisse als die zahlreichen reichbebilderten Reiseführer und Coffee Table Bücher, die ich zuvor durchblättert oder gelesen hatte. In der Folgezeit studierte ich weitere Gebrauchsanweisungen von Thomas und anderen Autoren.

Jetzt landete eine neue in unserer Redaktion, deren Autor wir zuvor mit seinen Krimis bei uns im Magazin vorgestellt hatten: Alexander Oetker. Der 1982 in Ostberlin geborene Journalist kam schon früh als jüngster Fernsehkorrespondent nach Frankreich, wo er für die RTL-Mediengruppe in Paris ab 2008 das Westeuropa-Studio leitete. Seit 2012 ist er für sie als politischer Korrespondent in Berlin tätig, wo er lebt, wenn er nicht mit seiner Familie in Frankreich ist.

Bordeaux ist längst aus seinem Dornröschenschlaf erwacht und macht Frankreichs Hauptstadt Paris mächtig Konkurrenz. Der Spiegel-Bestsellerautor widmet in seiner Gebrauchsanweisung der Stadt und der herrlichen Atlantikküste eine liebevolle Hommage. Dafür reist er vom UNESCO-Weltkulturerbe Saint-Émilion bis zum Bassin d'Arcachon an der Atlantikküste, von den Surfspots des Baskenlands bis zum fruchtbaren Flussdelta der Gironde. Er geht der Leidenschaft für Fußball und Rugby nach, besucht Europas größtes Weinmuseum und verrät, wie ein Rotwein durch einen Comic zur Legende wurde. Er erklärt, was Saufen und Laufen miteinander zu tun haben können, wie ein kleiner Gugelhupf zur Spezialität wurde und warum die Bordelaiser im Vergleich zu anderen Franzosen so lässig sind.

Alexander Oetker. Gebrauchsanweisung für Bordeaux und die Atlantikküste, Piper, Broschur, 224 Seiten, ISBN 978-3492277389, 15 Euro

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(c) Magazin Frankfurt, 2024