Natürliche Fleischalternativen aus dem Labor

Meine Frau ist Vegetarierin. Das hat sich natürlich auch auf meine Ernährung ausgewirkt. Zwar esse ich, wenn ich geschäftlich unterwegs bin gerne Fleisch, esse zum Frühstück Wurst und bereite mir auch mittags immer mal wieder eine fleischige Essensergänzung für meinen Teller zu, doch an den meisten Tagen der Woche kommen vegetarische Gerichte auf den Mittagstisch. Früher wurden meiner Frau auf gemeinsame Urlaubsreisen in den Restaurants als vegetarische Alternative oft ein Salat oder die Beilagen empfohlen, doch zwischenzeitlich sieht man Vegetarier auch in fleischlastigen Ländern nicht mehr ausschließlich als weltfremde Sonderlinge und bereitet für sie kulinarische Köstlichkeiten zu, die gut und gerne mit Fleischgerichten mithalten können. Zum Beispiel im rein vegetarischen Wiener Sternerestaurant Tian. „Wir glauben an das Gute, doch wir kämpfen für das Beste. Unsere Stärken sind Qualität, Kreativität und Handwerkskunst. Unsere Basis sind biologische, fair erzeugte Produkte. Respekt vor Natur, Mensch und Tier schreiben wir uns auf die Fahnen“ – so lautet dessen Credo

Mit der Vision hochwertiges, gesundes vegetarisches Essen anzubieten hatte Christian Halper 2011 sein Restaurant eröffnet und sich mit leidenschaftlicher Experimentierfreude daran gemacht, auch fast vergessene Gemüse-, Obst- und Getreidesorten mit ihren unverwechselbaren Aromen und wertvollen Nährstoffen einen großen Auftritt zu verschaffen. Natürlich alles frisch, regional und fair erzeugt. Den Namen des Restaurants hat er aus dem Chinesischen, wo es „Himmel“ bedeutet. Das passt zur Location in der Himmelpfortgasse und zum Genießen, wo man sich wie im Himmel fühlen möchte.

Jetzt verspricht ein Züricher Startup, dass man auch lecker essen und dabei die Welt retten kann. Die Gründer von Planted haben sich dabei an die Herstellung von Fleisch aus Pflanzen gemacht. Das sei auf der einen Seite gesund und lecker und auf der anderen Seite im Anbau und der Herstellung auch deutlich umweltschonender als konventionelles Fleisch. Dabei haben die Wissenschaftler der Eidgenössischen Hochschule Zürich nur rein pflanzliche, gesunde Zutaten verwendet, die nachhaltig sind und dem Geschmack von Fleisch erstaunlich nahekommen sollen.

2019 haben Lukas Böni und Pascal Bieri ihr Unternehmen als SpinOff in Zürich gegründet und verfolgen mit Planted die Mission, die Welt Bissen für Bissen ein Stückchen besser und leckerer zu machen. Dafür haben sie viele Jahre an der Hochschule geforscht und dabei ein wegweisendes Produkt entwickelt, das der Faserstruktur von Fleisch zum Verwechseln ähnlich ist. Damit möchte das innovative Start-up die Art und Weise, wie Fleisch wahrgenommen und konsumiert wird, radikal verändern und Menschen dazu bewegen, mehr pflanzliche Proteine zu essen.

Planted hat sich dabei neben dem Geschmack den Kampf für Umwelt, Tierwohl und Gesundheit auf die Fahnen geschrieben. Alles hehre Ziele, die eigentlich jeder von uns verfolgen sollte. Böni und Bieri hoffen, dass immer mehr Menschen bewusst wird, dass der Konsum veganer Produkte dazu beitragen kann, die Treibhausgase zu verringern, wertvolle Ressourcen zu schonen und Tierleid zu reduzieren, damit nachfolgende Generationen auch weiterhin zufrieden auf dieser Erde leben können. Vielen Menschen fällt es aber schwer, ganz auf Fleisch zu verzichten - weil es so unglaublich lecker ist. Mit den neuen zeitgemäßen Fleischalternativen von Planted möchte man diese Verlustängste lindern und trotz Fleischverzicht zu einer wahren Geschmacksexplosion auf dem Teller beitragen.

Viele Zutaten brauchen sie für ihre Fleischalternativen nicht und sagen bei deren Auswahl bewusst „Weniger ist mehr“. Ihr planted.chicken besteht beispielsweise aus nur vier Zutaten (Wasser, 32 % Erbsenprotein, Erbsenfasern, Rapsöl und Vitamin B12) und ist soja- und glutenfrei. Alle Planted-Produkte bestehen ausschließlich aus Zutaten, die sich positiv auf die körperliche Gesundheit auswirken: Proteine, Ballaststoffe, essentielle, hochqualitative Aminosäuren sowie 100 Prozent natürliche Inhaltsstoffe ohne Chemie, genetisch veränderten Organismen (GMO) und sonstige Zusatzstoffe. Als Hauptbestandteil hat man die Proteine und Fasern der Gelben Erbse (Pisum Sativum) ausgewählt, die durch eine Portion B12 ergänzt werden. Kombiniert mit Rapsöl, Wasser und Gewürzen entstehen daraus die Produkte, die sich vielseitig kombinieren und genau so einfach wie Fleisch zubereiten lassen. Die Zutaten kommen aus Europa und werden in der eigenen Fabrik in der Schweiz zu veganen Produkten verarbeitet.

Das Ziel von Planted ist es Freunde von Burgern, Tacos, Wraps, Schnitzeln und Grillhähnchen davon zu überzeugen, dass sie nicht auf ihr Lieblingsrezept verzichten müssen, denn man hat das Sortiment ist so konzipiert, dass sich daraus viele unterschiedliche Gerichte zaubern lassen. Neben dem planted.chicken Nature haben die Forscher auch ein würziges planted.chicken Kräuter & Zitrone im Angebot und für Freunde des Pulled Pork bieten planted.pulled BBQ und planted.pulled Nature eine Alternative beim Kochen (Natur (alle je 400 Gramm für € 9,90). Auch planted.schnitzel nach Wiener Art stehen auf der Angebotsliste, denn niemand soll lange in der Küche stehen, um sein Lieblingsessen zuzubereiten. Kaufen kann man die Produkte im Planted-Webshop oder in den Supermärkten von Edeka Südwest und Edeka Minden-Hannover.

Ich habe in der Pandemie die Fleischalternative im Home Office zusammen mit meiner Frau probiert. Vielleicht gehe ich ja mit Vorurteilen an die Sache heran, denn ich möchte Fleisch schmecken. Doch bei meiner Frau, der Vegetarierin, trifft das nicht zu. Auch sie fragt sich: „Braucht es diese Lookalikes?“ Wollen wir wirklich ein vegetarisches Schnitzel? Einen vegetarischen Burger? Ein vegetarischer Döner? Beim Wiener Tian und anderen guten vegetarisch geprägten Restaurants sucht man vegetarische Döner, Schnitzel, Nuggets oder Bratwürste vergeblich auf der Speisekarte. So etwas bekommt man eher in der Mensa, in Kantinen oder beim Imbiss in der Fußgängerzone, die preiswerte, schnelle Convenience-Produkte anbieten. Ich hatte, als es im Angebot war, einmal die vegetarische Alternative einer Wurst der Rügenwalder Mühle gekauft. Keine gute Wahl. Nach dem Probieren blieb sie im Kühlschrank, bis sie meine Frau nach einiger Zeit entsorgte.

Bei den planted-Produkten hat man die Möglichkeit, die Grundzutaten nach eigenen Vorstellungen zu würzen und damit den Geschmack selbst zu verfeinern. Die von Lukas Böni bei seiner Präsentation beschriebene Verarbeitung der Erbsenproteine zu Faserstrukturen, die sich an der Textur der als Vorbild genommenen Fleischsorten orientiert, konnte ich nur in Ansätzen nachvollziehen, denn die Variationen der Aggregatszustände, die das schöne Mundgefühl verursachen, konnte ich bei den in der Textur zu homogenen planted.chicken-Zubereitung nicht nachvollziehen. Es erinnerte von der Textur eher an Chicken-Nuggets, die aus verschiedenen klein gewolften Hühnerteilen in Form gebracht wurden. Schade, meine Alternative zu Fleisch wird Planted damit zumindest vorerst nicht werden, doch generell sollten wir überlegen, ob wir zum Schutz der Umwelt, der eigenen Gesundheit und des Tierwohls nicht eher auf Billigfleisch verzichten und stattdessen ab und zu eine gutes, biologisch aufgewachsenes und fair gehandeltes Stück Fleisch kaufen und uns ansonsten statt der verarbeiteten Proteine das Gemüse selbst auf den Teller zu bringen. Dann kann man auch guten Gewissens sagen „Guten Appetit“.

(c) Magazin Frankfurt, 2024